Roisdorfer Wegekreuze

Zeugnisse lebendiger Volksfrömmigkeit

 

Wegekreuz vor dem Haus der Familie Mandt, Rosental

 

"Jesus Weg und Ziel" ist auf dem Sockel des Wegekreuzes zu lesen, das 1994 Johannes Mandt vor dem Anwesen seiner Familie im Rosental, an der Grenze zu Alfter, errichtete. Josef Botz zimmerte das Kreuz aus den Balken einer abgebrochenen Kirche aus der Eifel, er schuf auch den hölzernen Gekreuzigten. Am Maiabend dieses Jahres wurde das neue Wegekreuz im Rahmen einer kleinen Feier, zu der sich Familienangehörige, Freunde und Nachbarn eingefunden hatte eingesegnet. Wie Johannes Mandt in einer kurzen Ansprache ausführte, sollte die Stiftung des Wegekreuzes ein Dank für die Kraft sein, die er auf dem Weg seines Lebens immer wieder durch das Kreuz Christi erfahren hat.

Mit der Errichtung des Kreuzes wurde eine alte und ungebrochene Tradition unserer Heimat fortgeführt – eine Tradition, die bis in das frühe Mittelalter zurückreicht. Damals trat das christliche Kreuz an die Stelle der heidnischen Weihesteine, die dazu bestimmt gewesen waren, böse Geister zu bannen. Oft wurden dabei Kreuze aus Holz oder Stein an die Stellen der Weihesteine gesetzt, um damit dem stärkeren Gott die Abwehr der alten Dämonen, als die die heidnischen Götter nun galten, anzuvertrauen. Kreuze am Wege konnten im Mittelalter aber auch noch andere Funktionen haben. So gab es sogenannte Sühnekreuze, deren Aufstellung einem Mörder oder Totschläger von einem kirchlichen Gericht zur Sühne seiner Untat auferlegt wurde. Verbreitet waren auch Kreuze, die Grenzen von Herrschaftsbezirken markierten, und mit denen man gleichzeitig um den Schutz Gottes für diese Bezirke bat. Für den Roisdorfer Bereich ist ein Kreuz "op dem Knep" an der Bonner Straße bekannt, das einst die Grenze zwischen der Herrlichkeit Alfter, zu der Roisdorf gehörte, und der Herrlichkeit Bornheim kenntlich machte.

 

Kreuze aus dem Mittelalter sind in unserer näheren Umgebung allerdings nicht mehr erhalten. Die zahlreichen Kriege oder die Bilderstürmerei der Reformationszeit mögen dazu beigetragen haben, dass sie verlorengegangen sind. Was uns auf unseren Straßen und Fluren begegnet, sind Kreuze der Neuzeit, vor allem solche aus der Zeit von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhundert. Diese Kreuze sind Ausdruck einer vertieften Volksfrömmigkeit, wie sie damals im Zuge der katholischen Reform von Seiten der kirchlichen Obrigkeit gefördert wurden. Die Kreuze der Barockzeit wurden aus anderen Beweggründen heraus gestiftet, als die Kreuze des Mittelalters. Die Furcht der Menschen vor Dämonen war weitgehend gewichen. Grund für die Errichtung war nun etwa ein Gelübde, der Dank für ein wichtiges Geschehen oder die Errettung aus einer Notlage wie Krieg, Krankheit, Seuche oder Lebensgefahr. Diese sog. Votivkreuze errichtete man, wie aus ihren Inschriften hervorgeht, "zur Ehre Gottes", "zur Ehre des bitteren Leidens Jesu", oder "zu Ehren der schmerzhaften Muttergottes" usw. Nicht selten wurden Kreuze von einer der zahlreichen geistlichen Bruderschaften, die in dieser Zeit bestanden, gestiftet. In Roisdorf hat sich allerdings, anders als in unseren Nachbarorten, kein solches barockes Votivkreuz erhalten.
Neben den Votivkreuzen gab es Gedenkkreuze, Stiftungen speziell zum Gedenken an eine bei einem Unfall verstorbene Person. Da die betreffende Person unvorbereitet gestorben war, sollte auf diese Weise zum Gebet für das Seelenheil aufgefordert werden. Ein spätes Beispiel für ein solches Gedenkkreuz findet sich noch heute in der Roisdorfer Gemarkung an der Alfterer Hofebahn. Es handelt sich um ein steinernes Grabkreuz des 17. Jahrhunderts, das wiederverwendet und mit einer neuen Inschrift versehen wurde: "Anno 1811 starb hier Heinrich Löben aus Gielsdorf im 67ten Jahre seines Alters". An dieser Stelle war ein Mann erfroren aufgefunden worden. Er hatte tags zuvor mit Pferd und Schlitten Brandholz holen wollen und sich dabei derart im Wald verirrt, dass er den Heimweg nicht mehr gefunden und sich in den tiefen Schnee gesetzt hatte, um auszuruhen.

 

Gedenkkreuz für Heinrich Löben

 

Wegekreuz auf den Donnerstein

 

Eine besondere Art der Gedenkkreuze waren die Mordgedächtniskreuze. Auch von ihnen gibt es ein Beispiel in Roisdorf, wenn auch das ursprüngliche Kreuz längst ersetzt worden ist: Das Wegekreuz auf dem Donnerstein, das vor einigen Jahren aufgrund des Einsatzes der Bevölkerung des Oberdorfes vor der Vernichtung bewahrt und erneuert werden konnte: Im Jahr 1788 war der 23 Jahre alte Heinrich Voosen, wie damals verzeichnet wurde, "am Donnersteingen mitm Schnupftuch um den Hals (also erdrosselt) tot gefunden worden." Das Kreuz am Donnerstein wurde jedoch bereits in einer Zeit errichtet, in der die Zahl der in unserer Heimat gestifteten Wegekreuze deutlich zurückging. Die Kölner Erzbischöfe, von der Philosophie der Aufklärung beeinflusst, hatten damals kaum mehr Verständnis für barocke Formen der Volksfrömmigkeit. Noch weniger Verständnis zeigten bald darauf in der Zeit um 1800 die geradezu antikirchlich eingestellten französischen Behörden: Es wurden öffentliche Prozessionen verboten, manches Wegekreuz wurde ebenso wie manches Heiligenhäuschen umgestoßen. Die Errichtung des erwähnten Gedenkkreuzes an der Alfterer Hofebahn im Jahre 1811 erscheint hier als eine seltene Ausnahme. Erst der preußische Staat zeigte sich wieder toleranter, so dass einiges wiederhergestellt, anderes neu errichtet werden konnte.

 

Einen Aufschwung nahmen die Stiftungen von Wegekreuzen dann wieder in der Zeit ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Auch in Roisdorf wurden neue Wegekreuze, bei denen es sich durchweg um Votivkreuze handelt, aufgestellt: Es sei hier als Beispiel das schlichte Holzkreuz in der Brunnenstraße bei dem Haus Schmitz genannt, das einen Vorgänger des Jahres 1848 ersetzt, oder auch das Sandsteinkreuz, ebenfalls in der Brunnenstraße, das die Familie Botz im Jahre 1897 als Dank für die langersehnte Geburt einer Tochter gestiftet hat. Andere, wohl auch aus dieser Zeit stammende Roisdorfer Kreuze sind inzwischen verschwunden, wie z.B. ein Holzkreuz, das in der Güterbahnhofstraße bei dem Haus der Familie Schumacher stand, oder ein anderes am Widdiger Weg, auf dem die Fünf Wunden Christi in Keramik geformt abgebildet waren. Diese Kreuze nutzte man bis weit in das 20. Jahrhundert hinein und in jüngster Zeit erneut als Stationen auf dem Prozessionsweg der Sieben Fußfälle, einer in unserer Gegend beliebten Variante des Kreuzweggebets, das man insbesondere an Freitagen der Fastenzeit verrichtete oder dann, wenn jemand im Dorf im Sterben lag.

 

Votivkreuz der Familie Botz, Brunnenstraße

 

Jesus vor Pilatus, erste Station des Kreuzwegs am Lindenberg

 

Für die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ist für den Roisdorfer Bereich die kreuzförmige Christusstatue zu erwähnen, die Wilhelm Maucher beim Heimatblick als Mahnmal für den Frieden aufstellen ließ. In diesen Zusammenhang sind auch die Kreuzwegstationen am Lindenberg einzuordnen: Angesichts der heranrückenden Front tat die Gemeinde am 11.11.1944 das Gelübde, einen Kreuzweg am Lindenberg zu stiften, falls Roisdorf vor der Zerstörung bewahrt werden würde. In den Nachkriegsjahren errichtete man in Erfüllung des Gelübdes zunächst provisorische hölzerne Kreuzwegstationen, die den Leidensweg Christi in qualitätsvollen, von Ruth Schaumann angefertigten Holzschnitten zeigten. Die hölzernen Bildstöcke wurden 1962 durch solche aus Basaltstein, gestaltet von Bildhauer Aloys Wyrobeck aus Köln-Mülheim, ersetzt. Die Mittel hierfür erbrachten Spenden der Roisdorfer Bevölkerung. Roisdorf vefügt damit über den einzigen aus unserem Jahrhundert stammenden Kreuzweg unter freiem Himmel am Vorgebirge.

 

Aber auch in den folgenden Jahrzehnten riss der Brauch, Wegekreuze zu errichten und zu pflegen, in Roisdorf nicht ab. So wurde 1977 das hölzerne Wegekreuz an der Ecke Schussgasse/Berliner Straße auf Initiative der Anwohner erneuert, konnte 1988 ein neues Kreuz auf dem Kripsberg eingesegnet werden, ein weiteres im gleichen Jahr auf der Flur "In der Held". Auch diese Kreuze werden alljährlich in die Bittprozession vor Christi Himmelfahrt und die "Sieben Fußfälle" einbezogen. Im Jahr 1989 erfolgte die erwähnte Erneuerung des Wegekreuzes am Donnerstein, das als Station bei der Fronleichnamsprozession genutzt wird, 1994 das eingangs genannte Wegekreuz im Rosental. Als jüngstes Beispiel ist die Erneuerung des schlichten Holzkreuzes an der Brunnenstraße zu erwähnen, die am 19. September 2003 erfolgte.

Hier ein Bericht zu diesem Ereignis

Die alten ebenso wie die neuen Roisdorfer Wegekreuze fordern die Vorbeigehenden zu einem kurzen Gebet an Christus, den Weg und das Ziel unseres Lebens, auf. Darüber hinaus sind sie wichtige Zeichen für die Gegenwart Gottes in der Welt, dies in einer Zeit, in der der christliche Glaube mehr und mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt wird.

 

Einsegnung des Kreuzes "In der Held"