Kinderspiele
in Roisdorf
1939 bis 1948
Heinz Dahlen erzählt
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Im Jahre 1933 geboren, fiel meine Kindheit zwischen Einschulung und Ende der Grundschule genau in die Zeit zwischen dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und der Nachkriegszeit bis zur Währungsreform 1948. Außerhalb des Schulunterrichtes war der Dialekt, also das Platt, unsere normale Umgangssprache. Dementsprechend trugen auch alle unsere Spiele Dialektbezeichnungen. Da inzwischen aber vielen diese Sprache nicht mehr oder nur noch eingeschränkt geläufig ist, werde ich die Dialektausdrücke übersetzten und, soweit mir das möglich ist, auch deren Herkunft erklären. Mit
zunehmender Kriegsdauer, insbesondere aber in den letzten Kriegs- und den ersten
Nachkriegsjahren, wurde der Mangel an Essen, Heizmittel und Wohnraum immer größer.
An gekaufte Spielsachen war nicht zu denken. Dennoch wurde auch in dieser Zeit
– trotz der Bedrohung durch Fliegerangriffe und des großen Nahrungsmangels
– sehr viel und täglich gespielt. Ich glaube, fast mehr als heute. |
![]() Kinder
auf der Bachgasse, 1940er Jahre |
Der
erste PC wurde im August 2006 ja erst 25 Jahre alt, Walkman, MP3-Player und
Playstation wurden noch später erfunden. Es gab in meiner Kindheit auch noch
kein Fernsehen, und die wenigsten Haushalte hatten damals ein Radio. Da die
Wohnungen damals auch längst nicht so groß wie heute waren, wurde – egal in
welcher Jahreszeit – meistens draußen gespielt. Bis auf wenige Ausnahmen
spielten die Mädchen anders als die Jungen. Viele Spiele folgten der
Jahreszeit. Versteckspielen und Nachlaufen waren nicht geschlechterspezifisch
und sind wohl auch heute noch allgemein bekannt.
![]() Musterung
der Pferde
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Zumindest
in den ersten Kriegjahren gehörte „Soldat spielen“ in jeder
Jahreszeit zum Tagesprogramm. Selbst Mädchen wurden dabei als Krankenschwestern
geduldet. Leider gab es reichlich Originalvorbilder und auch durch Fundstücke,
z.B. nach Angriffen auf Munitionszüge, teilweise echte Ausrüstung in Form von
Gerät und Munition. Hier haben die Psychologen leider in vollem Umfang recht,
wenn sie meinen, daß Kinder das Leben der Erwachsenen nachspielen.
Der
weniger kriegerische Teil dieser Spiele bestand unter anderen im „Büdchen-
und Bunkerbauen“ sowie im „Affkoche“. Wie aus dem Kochen auf
offenem Feuer „Affkoche“, also Abkochen, in unseren Sprachgebrauch kam, weiß
ich bis heute noch nicht. Beliebtes
Ziel für solche Aktionen waren „Jammischbachs Fichtele“. Es handelte sich
dabei um eine
mit Nadelbäumen bestandene Parzelle unterhalb des heutigen Heimatblickes, die
vermutlich damals den Inhabern der Lederfabrik Gammersbach gehörte. Tatsächlich
handelte es sich um einen jungen
Bestand an Kiefern, die allgemein als „Fichtele“, also Fichten, bezeichnet
wurden. Dafür sagte man zu
den richtigen Fichten, bei den Alten auch noch als „Preußebööm“ bekannt,
„Tanne“ oder „Tänne“. „Affjekoch“,
also gekocht, wurde in Kochgeschirren aus Aluminium, die damals jeder besaß,
denn die Nazis sammelten regelmäßig im Rahmen des „Winterhilfswerkes“ für
die Ausrüstung von Soldaten. Dabei sollte das für ein Mittagessen eingesparte
Geld gespendet werden. Hierfür gab es, zumindest in den ersten Kriegsjahren,
einmal im Monat Eintopfessen aus einer Gulaschkanone. Unsere beim „Affkoche“
produzierten Gerichte waren bescheidener. |
Manchmal
hatte man von einem Soldaten einen Suppenwürfel bekommen, oft schwammen aber
auch nur
Gemüseblätter, z.B. selbstgezogener Mangold,
im Kochgeschirr. Im Nachhinein denke ich, daß uns das Spiel mit dem
Feuer wichtiger war als die Ergebnisse unserer Kochkunst.
Was
man sich heute kaum noch vorstellen kann: Es gab damals auch hier bei uns jedes
Jahr einen richtigen Winter mit Schnee und oft wochenlangem starkem Frost. Ich
kann mich zumindest in den Kriegs- und ersten Nachkriegjahren nicht an ein Jahr
erinnern, in dem man nicht „Schleddere“, „Boddieslofe“, „Schlittschohlofe“
und „Bahnschlage“ konnte.
Mit
„Schleddere“ war „Schlittenfahren“ gemeint. Die heute üblichen
Holzschlitten – Plastik war ohnehin noch nicht erfunden – sah man fast gar
nicht. Die meisten Schlitten waren selbst gebaut. Auch das war sicherlich eine
Besonderheit in der damaligen Zeit, daß die Kinder ihre Spielgeräte mit
einfachem Material selbst bauten, denn die meisten Väter waren ja Soldat und später
in Gefangenschaft.
Zudem
war vielfach auch das Geld knapp. Die jüngeren Kinder hatten oft einen
selbstgebauten Schlitten, der aus zwei etwa 30 cm hohen Brettern bestand, die je
etwa ½ m lang und in Körperbreite mit einem Querbrett versehen waren.
Bei
den ältern Kindern und Jugendlichen war das Schlittenfahren mit einem
„Lenkbare“ sehr beliebt.
Ein „Lenkbare“ war ein Schlitten, welcher der Urform des „Bobs“
entsprach. Im Prinzip waren
es zwei durch ein Gelenk miteinander verbundene Schlitten. Ein langer, massiver
Schlittenteil für oft fünf bis sieben Personen war durch einem Gelenk mit
einem kleineren beweglichen Vorderteil verbunden. Dieses hatte rechts und links
Fußstützen, an die auch noch ein Seil gebunden war. Mit Füßen und dem Seil
wurde das Gefährt gelenkt. Daher der Name „Lenkbare“. Das Seil diente übrigens
nach der Abfahrt auch wieder zum Hochziehen des Schlittens.
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Geschlittert wurde von den Jüngeren von der „Komm“ zwischen Roisdorf und Alfter bis in die Brunnenstraße hinter die Einmündung der Schußgasse. Bevor diese Strecke zwischen der Brunnenstraße und Alfter richtig ausgebaut war, hatte sie noch einige steilere Teilstücke, so daß der Schlitten ganz ordentlich Fahrt bekam. Eine weitere Abfahrtstrecke für „normale“ Schlitten war die Schußgasse. Zum Glück war diese meist vor kurz vor der Brunnenstraße mit Asche stumpf gemacht, weil sonst die Fahrt erst durch die Mauer des Brunnengebäudes gestoppt worden wäre. Die Schußgasse hatte schon wesentlich mehr Gefälle als die „Komm“. Deshalb bekam man deutlich mehr Fahrt, allerdings war die rodelbare Strecke kürzer. Der „Lindenberg“
war wegen des sehr starken Gefälles, aber auch weil dieser Hohlweg ganz ohne
Fahrzeugverkehr war, die bevorzugte Abfahrtstrecke. Allerdings war diese in
den späten Nachmittags- und den Abendstunden meist durch „Lenkbare“ mit
älteren Kindern und Jugendlichen belegt. Aber auch als Jüngerer durfte man
öfter auf einem „Lenkbare“ mitfahren, besonders wenn man beim Hochziehen
des schweren Schlittens geholfen hatte. Die Fahrten waren nicht ganz ungefährlich.
Die rasenden Abfahrten wurden durch vielstimmige Warnrufe „Lenkbare“
begleitet. An der Einmündung Brunnenstraße/Siefenfeldchen standen oft
Zuschauer, welche die wenigen Fahrzeuge, meist Pferdegespanne, kurzfristig
stoppten. Die normale Fahrt endete bei den meist guten Schneebedingungen erst
an der Vorgebirgsbahn, der jetzigen Linie 18 – oft aber auch früher durch
Stürze, und wenn es ganz schlimm kam, an der Mauer des Hauses Brunnenstraße/Ecke
Siegesstraße. Hier ist es auch schon zu gefährlichen Kopfverletzungen und Brüchen
gekommen. |
![]() Lindenberg im Winter, ca. 1948
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Roisdorf
bot auch genügend Gelegenheit für Betätigungen auf dem Eis. Nach den ersten
Nachfrösten stand
insbesondere auf dem „Lüüch“ „Boddiesloofe“ an. Das „Lüüch“
hat seinen Namen von dem dort wachsenden schilfähnlichem Riedgras und war Teil
des „Burnebroich“, also einem sumpfigen Gelände am Brunnen. Es war von drei
Bächen, dem „Mudbach“, also einem modrigem Bach, dem „Feschbach“
(Fischbach) und dem „Möllebach“,
also dem Mühlenbach, durchflossen. Jetzt sind viele Teile trockengelegt und
auch teilweise bebaut. Die Fläche lag hinter den Häusern der Brunnenstraße
und dem heutigen Fußweg, neben dem neuen Bachlauf vor der Bahn sowie zwischen
der Pützweide und den Brunnenweihern.
Wie
mir erst sehr viel später bewußt wurde, hätten unsere Schutzengel beim „Boddiesloofe“
Gefahrenzulage verdient. Wenn nach den ersten Nachfrösten die Wasserflächen
zwar schon mit einer Eisschicht bedeckt, das Eis aber noch recht dünn war, lief
man ganz schnell darüber. Es bildeten sich dann an den Stellen, auf denen man
auftrat, richtige Beulen und an den Bruchflächen trat auch Wasser aus.
Besonders gut im „Boddiesloofe“, und möglicherweise auch besonders mutig,
war der kürzlich verstorbene „Palms Karl“. Ihm kam auch sicherlich zugute,
daß er als Kind nicht sehr groß und schwer war. Vermutlich hat auch das im Eis
eingewachsene „Lüüch“ bei uns allen oft schlimmeres verhindert.
![]() Eishockey auf dem Brunnenweiher, Anfang 1950er Jahre
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Damals habe ich mir keine Gedanken gemacht, woher der Name „Boddiesloofe“ kam. Ich habe auch keinen gefunden, der mir die Herkunft des Begriffes genau erklären konnte. Früher hörte man aber manchmal „dat bodd sich“, wenn sich etwas bog, zum Beispiel eine Bodendiele. Das wäre eine einleuchtende Herkunft des Wortes. Wie
man in einem Bild in einem früheren Kalender der Heimatfreunde sehen kann, war
bis in die 50er-Jahre
das „Schlittschohloofe“ auf dem „Burneweiher“, also dem
Brunnenweiher, besonders bei den Jungen sehr beliebt. Damals gab es eigentlich
drei Weiher, die durch zwei Halbinseln mit Brücken geteilt waren. Der zur
Brunnenstraße hin gelegene Teil ist in den 60er-Jahren zugeschüttet worden und
nur noch auf Bildern zu sehen. Heute gibt es dort ein Gebäude, einen Parkplatz
und eine Wiese mit einem Weihnachtsbaum in der Adventszeit, die aber auch von
Enten bevölkert ist. Bis
zur Währungsreform konnte man natürlich keine Schlittschuhe kaufen. Die meist
verrosteten Schlittschuhen stammten von Onkeln, Tanten oder älteren
Geschwistern. Sie waren auch nicht mit dem Schuh fest verbunden. Auf der
Gleitkufe gab es vielmehr für den Schuh eine Auflagefläche, an der seitlich
bewegliche Zangen mit einem kleinen Vierkantschlüssel an die Schuhsohlen
geklemmt wurden. |
Damals
hatte man nur ein Paar sogenannte „Werktagsschuhe“, also hohe, deftige
Schuhe, deren Sohlen oft zur besseren Haltbarkeit noch mit kleinen, wulstigen Nägeln
verstärkt waren – in dem
Kalender 2007 der Heimatfreunde für den September kann man dies bei einem
Kirmesfeiernden in der vorderen Reihe sehr gut sehen. Diese Schuhe haben durch
die angeklemmte Schlittschuhe natürlich sehr gelitten. Deshalb landeten sie oft
noch am selben Abend beim Schuster. Man wartete dann auf die Reparatur entweder
in der Mittelstraße, das ist die heutige Aachener Straße, beim „Delfoss“
und seinem Schwager „Westerweller“, die dort auch im Krieg tätig waren,
weil sie wegen des Alters nicht mehr zum Wehrdienst eingezogen waren. Später
konnte man auch in der Friedrichstraße/Ecke Aachener Straße zum Schuster
Schmidt gehen. Dessen Frau war übrigens „Landsbergs Tina“, eine Schwester
von „Landsbergs Liesje“ aus dem Lebensmittelladen. Der Schuster Schmidt war
wegen einer Kriegsverletzung fast blind und deshalb auch früher wieder in der
Heimat. Abends wurden die nassen Schuhe mit Zeitungspapier ausgestopft und unter
den Küchenherd zum Trocknen gestellt, damit man sie am nächsten Tag wieder
anziehen konnte.
„Bahnschlage“,
also nach Anlauf mit beiden Füßen über eine glatte Eisfläche rutschen, war
bei Jungen und Mädchen beliebt. Eine Fläche, über die man rutschen konnte,
und die mit jeder Benutzung immer
glatter und damit auch schneller wurde und dadurch eine „Bahn“ entstand,
fand sich überall. Aber auch hier boten die großen Eisflächen des „Burneweiher“
die meisten Möglichkeiten, und man traf immer andere Kinder.
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Aber
auch der schönste Schnee und das dickste Eis waren irgendwann weggetaut. Dann
verbreiteten sich wie eine ansteckende Krankheit andere Spiele. Es wurde auch
von uns „gereefelt“, also mit einem Reifen gespielt. Dieser bestand
aus einem Rad von einem alten Fahrrad, einem alten Fassring oder dem Reifen
eines alten Wagenrades, den man mit einem Stock vor sich hertrieb. Das „Reefele“
wurde aber zu
meiner Zeit nicht so oft und auch nicht voll allen Kindern betrieben. Beliebter,
und wenn einer damit angefangen hatte, in Windeseile verbreitet, war „Stelzeloofe“,
also Stelzenlaufen. An zwei „Bonnejärte“ (Bohnenstangen) wurden in
entsprechender Höhe, die von der Körpergröße und dem persönlichen Können
abhängig war, je ein Holzdreieck angenagelt und das Laufgerät war fertig.
Nach den ersten Gehversuchen,
die an einer Wand als Rückenstütze begannen, klappte nach kurzer
Übung nicht nur das Laufen
sondern auch das Auf- und Absteigen ohne Hilfe. |
![]() Frühling am Vorgebirgsbahnhof
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Ein
beliebtes, und wie man auf Bildern sehen kann, auch altes, beliebtes
Kinderspiel war das „Doppdrihe“ oder „Doppschmecke“. Ein
„Dopp“ ist ein Kreisel aus Holz. Der Dialektausdruck leitet sich wohl aus
dem holländischen und englischen „top“ (siehe auch Topsegel) für Spitze
ab. „Drihe“ läßt sich unschwer durch das hochdeutsche Wort „drehen“
erklären. Und „en Schmeck“ ist eine Peitsche. Die hochdeutschen Worte,
die zumindest noch in den Wörterbüchern stehen, sind „Schmicke“ und „schmicken“
und bezeichneten ursprünglich eine biegsame Gerte und das Schlagen
damit. Später wurde dieser Begriff auf die Peitsche der Fuhrleute übertragen.
So sagt man heute noch manchmal „Et steht keene möt de Schmeck hönge
de“, wenn einer etwas ruhiger angehen lassen soll.
Die „Schmeck“ wurde aus einem Stock mit einer Schnur selbstgemacht. Das ging mit dem „Dopp“ leider nicht. Deshalb wurde mit zunehmenden Kriegjahren der Kreisel immer seltener. Ich denke, das einfache Spielprinzip ist auch heute noch bekannt. Zum Start wurde der „Dopp“ entweder zwischen Daumen und Zeigefinger durch Schnippen in Rotation versetzt und dann auf den Boden geschnippt. Die andere Möglichkeit war, die Schnur um den oberen Teil des „Dopps“, der dort oft auch Rillen hatte, zu wickeln dann die Kreiselspitze auf den Boden aufzusetzen und die „Schmeck“ durch einen Ruck wegzuziehen, wodurch die abwickelnde Schnur ebenfalls die Rotation erzeugte. Danach galt es, den „Dopp“ durch entsprechende Peitschenhiebe möglichst lange in Bewegung zu halten. Es ist noch zu erwähnen, daß viele Straßen in Roisdorf noch keine feste Straßendecke hatten und deshalb zum „Doppschmecke“ nicht überall geeignet waren.
Im
Mai, wenn Saft in den Baumrinden war, wurden „Maiflöte“ und „Maihörnchen“
gebaut. Dazu brauchte
man nur ein Taschenmesser und einen Baum oder Strauch mit glatter Rinde, zum
Beispiel Weide
oder Ulme, wobei letztere damals noch nicht so selten wie heute war.
Für
die „Maiflöt“ wurde ein etwa 20 cm langes, fingerdickes Holzstück
an beiden Enden glatt abgeschnitten. Durch vorsichtiges Klopfen wurde die Rinde
gelockert, so daß sich der innere Holzkern nach
einiger Zeit glatt herausdrücken
ließ. Davon wurde danach ein Stück von etwa 3 cm abgeschnitten und
längs abgeflacht. Dieser Teil
wurde dann als Einblasöffnung wieder in die Röhre aus der Rinde eingesteckt.
Kurz darunter wurde in die Röhre ein Loch für den Luftaustritt
geschnitten. Der längere Teil wurde von unten wieder eingeschoben, je nach
verbleibendem Volumen konnte die Tonhöhe beeinflußt werden. Wenn sie fertig
war, glich sie einer kleinen Blockflöte, ohne deren verschiedene Löcher für
die einzelnen Töne.
Für
ein „Maihörnche“ wurde ein dickerer Ast oder Stamm im Abstand von 2
cm bis 3 cm spiralförmig eingeschnitten. Dann wurde die Rinde wieder solange
beklopft, bis sie sich als Streifen ablösen ließ. Dieser Rindenstreifen wurde
dann trichterförmig zu einem Horn von etwa 20 cm bis 25 cm gedreht und mit
Dornen geheftet. Als Mundstück diente ein 2 cm bis 3 cm langes Rindenröhrchen,
das wie eine kleine „Maiflöt“ ohne Einsatz gemacht wurde. Nachdem dieses für
den Lippenansatz zusammengepreßt und am schmälsten Trichteransatz befestigt
war, konnte man nach einigen Versuchen die ersten „Horntöne“
hören.
Ein
wohl sehr altes und noch in meiner Kindheit beliebtes Jungenspiel waren „Reiterkämpfe“.
Ein meist älterer, kräftigerer
Junge war das Pferd, auf dessen Schulter der Reiter saß. Es wurde dann
versucht, gegnerische Reiter durch entsprechende Attacken vom „Pferd“ zu
werfen. Ein erfolgreiches Gespann waren im Oberdorf „Schäfers Karl“ als
Pferd und „Schmitze Schorch“ als Reiter.
Häufige
selbstgebaute Spielgeräte bei Jungen waren de „Flitsch“, de „Schleude“
und de „Flitzeboche“.
Die Bezeichnung „Flitsch“
leitete sich wohl von „flitzen“, „pfeilschnell bewegen“ ab.
Allerdings wurden
mit diesem Gerät keine Pfeile sondern Steine verschossen. Eine „Flitsch“
bestand aus einem ypsilonförmigen Aststück, z.B. von einem Haselnußstrauch.
An den beiden Schenkeln waren Gummis befestigt, oft aus aufgeschnittenen
Gummiringen für Einmachgläser oder Gummilitze. Diese waren an den anderen
Enden mit einem kleinen Lederstück zur Aufnahme der Geschosse in Form von
Steinen verbunden.
En
„Schleude“ spielte schon im Alten Testament in dem Kampf
zwischen David und Goliath eine
entscheidende Rolle. Sie wurde
auch von uns noch genauso aus zwei Kordelstücken mit Fingerschlaufen selbst
gemacht, die unten mit einem Lederstück zur Steinaufnahme verbunden waren.
![]() Alter Weiher zwischen Roisdorf und Bornheim
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Bei
der „Alftere Wiss“ handelte es sich um eine große, teilweise feuchte
Grasmulde zwischen dem „Benden“, dem heutigen „Kölner Pfad“, und der
Linie 18 zwischen Roisdorf und Alfter.
Sie machte übrigens damals noch
ebenso wie der „Burneweihe“, der „Burnebroich“, die Wasser- und Feuchtflächen
zwischen der jetzigen neuen Kirche und der Wolfsburg, und dahinter der nach und
nach trocken gelegte „Alte Weiher“ den Verlauf eines alten Rheinarmes
sichtbar. Mit
der „Schleude“ wurden richtige Gefechten zwischen den Roisdorfer und
Botzdorfer Jungen am „Maibroich“ ausgetragen. Das war allerdings zu einer
Zeit, wo meine Generation die Wurftechnik noch nicht gut beherrschte und deshalb
höchstens für den Steinnachschub zuständig war. Leider ist es bei den
Gefechten auch zu ernsten Verletzungen bis zum Schädelbruch gekommen. Auch hier
wurden also Spielgeräte nicht mehr nur zum Spielen benutzt. Damals
gab es neben der Vorgebirgsbahn (jetzt Linie 18) zwischen Roisdorf und Alfter
noch einem Güterbahnhof. Nach dem Krieg stand dahinter in Richtung Alfter ein
ausgebrannter Güterzug mit offenen Waggons.
Obwohl sich die Roisdorfer und
Alfterer eigentlich gut verstanden, war auch hier kurzzeitig eine Fehde
ausgebrochen, die mit Schleudern ausgetragen wurde. Die Roisdorfer hatten ihr
Steindepot direkt auf dem ersten Wagen hinter dem Güterbahnhof und die Alfterer
am anderen Ende des Zuges. Diese
Gefechte haben nur kurz gedauert und sind zum Glück ohne schwere Blessuren
verlaufen. |
Ein
„Flitzeboge“ bestand aus einem elastischen Zweig aus Weide oder
seltener aus Esche. Dieser wurde gebogen und einer Kordel als Sehne verbunden.
Als Pfeile dienten Schilfrohre, denen als Spitze eine Stück von einem
Holunderzweig aufgeschoben wurde.
Sehr
beliebt war „Pennchekloppe“. Das
Spielgerät bestand aus dem „Penn“. Der Name kommt von dem älteren
hochdeutschen Wort „Pfinne“, was u.a. einen angespitzten Holzpflock aber
auch Holznägel zum Schuhebesohlen bezeichnet, so in einem Kölner
Schusterjungenlied: „… mer lappe, mer pappe, schlonn kräftig ob der
Penn.“.
Der
Penn für unser Spiel war ein an beiden Seiten angespitztes Holzstück von ca.
25 cm Länge. Ein anderer Begriff für ein an zwei Enden angespitztes Holzstück,
den man hier allerdings nur in noch geläufigen Redewendungen kennt, ist „Jig“.
Wenn jemand unglücklich gefallen ist, wird er vielleicht sagen: „Do bön ich
doch jestruchelt und han de Jig geschlage“. Etwas derber wird die „Jig
schlage“ auch für „Sterben“ gebraucht. So konnte man vielleicht hören:
„Wie jeht et eijentlich dinge Nobe-rin?“, worauf die Antwort kommen konnte:
„Net jood, die wid bal de Jig schlage“.
Zu
Beginn des Spieles wurde das „Pennche“ auf eine kleine Erdmulde oder zwei
Steine aufgelegt und von einem Jungen in Richtung auf die anderen
fortgeschleudert. Jeder Spieler hatte einen Stock von Spazierstocklänge. Auch
hierzu dienten meist alte Bohnenstangen. Wenn es einem anderen Spieler gelang,
das fliegende Holzstück mit dem Stock in andere Richtung zu treiben, durfte
dieser weiterspielen. Im
weiteren Verlauf wurde der „Penn“ jeweils durch einen Schlag auf ein
angespitztes Ende hochgeschnippt und dann durch Darunterschlagen mit dem Stock möglichst
weit fortgeschleudert. Gewonnen hatte, wer am weitesten gekommen war.
Ein
Spiel, das heute auch nicht mehr bekannt ist, war „Landavvsteche“
(Landabstecken). Sofern man dazu
kein Taschenmesser besaß, wurde ein Messer aus Mutters Küche mißbraucht.
Das Spiel begann damit, daß
jeder Mitspieler auf der Erde eine Fläche einritzte und dieser einen Ländernamen
(Frankreich, England usw.) gab. Dann versuchte er von seinem „Land“ aus, das
Messer so in ein „Nachbarland“ zu werfen, daß es dort stecken blieb. Von
diesem Punkt wurde dann eine Linie
gezogen und der
„abgestochene“ Teil dem eigenen Land zugeschlagen. Gewonnen hatte, wer am
Schluß das größte Land besaß.
Da
damals fast jeder Landwirt noch ein Pferd hatte, gab es auch Haferfelder. In
Roisdorf war wegen der kleinen Feldparzellen – eine Folge der Realteilung –
der Getreideanbau sonst nicht üblich. Wenn das Getreide abgeerntet war, kam die
Zeit für das „Pattevuëlfleje“ (Papiervogelfliegen). In der
Dialektbezeichnung für einen Papierdrachen ist wohl der Wortstamm für
Papier/Pappe mit entsprechender Lautverschiebung enthalten. Der „Pattevuël“
wurde selbstverständlich selbst gebaut. Dafür haben wir beim Schreiner
Kievernagel dünne, schmale Holzleisten, meist Abfallstücke, erbettelt. Daraus
wurde ein Kreuz gebastelt, dessen längster Schenkel ca. 40 cm maß. Die vier
Enden wurden mit einer Schnur verbunden, so daß sich eine Raute ergab. Mit
etwas Überstand wurde in dieser Form dünnes Papier ausgeschnitten. In den
ersten Jahren konnte man noch farbiges Papier kaufen, das dafür besonders
geeignet war. Später nahm man Papier, das greifbar, aber nicht immer haltbar
war. Nachdem das Papier durch Umkleben, oft mit einer gekochten Kartoffel, um
die umlaufende Schnur befestigt war, wurde eine Schlaufe aus Kordel an der
Querstrebe befestigt, an die später die Zugschnur angebunden wurde. Dann kam an
die untere Spitze noch ein Schwanz, in den Papierstücke eingebunden waren.
Wenn er gelungen war, sah der
„Pattevuël“ so aus, wie man das noch heute auf Bildern von Papierdrachen
sieht. Vor
dem ersten Start
wurde die Schlaufe ausbalanciert, indem man versuchte den Drachen in die Waage
zu bringen. Zum Start waren zwei Jungen erforderlich. Einer der den „Pattevuël“
beim Start
gegen den Wind hielt, und der
andere der mit der Zugschnur loslief bis der Drachen stieg.
Auch
„Knallbüchsen“ haben wir aus einem ausgehöhlten Holunderholzstück
selbst gebaut. Mit dem oberen und unteren Ende dieses Rohres wurden Stücke aus
Kartoffelscheiben ausgestochen. Wenn man dann mit einem dünnen Holzstab die
untere Kartoffelscheibe nach vorne drückte, wurde die vordere mit einem
Knall fortgeschleudert. Man konnte auch Schlehen als Geschosse benutzen,
doch diese fand man hier selten.
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Nach
der Kirmeszeit im September war im Oktober jeden Abend Rosenkranzandacht.
Diese endete meist
mit einem Segen, zu dem Messdiener mit Schiffchen und Weihrauchfaß in
Erscheinung traten.
Das „Doseschwenke“ wurde von den meisten Jungen in dieser
Jahreszeit mit Begeisterung gespielt. Unser Weihrauchfaß draußen bestand aus
einer leeren Konservendose mit Löchern und einer Drahtschnur zum Schwenken.
Glühende Brikettstücke gab es damals in jeder Küche.
Um genügend Qualm zu
erzeugen, wurden Blätter oder harzreiche Früchte zum Beispiel von Tuja, Eibe
oder Wacholder aufgelegt. Der
Heimweg von der Andacht fand ja in der Dunkelheit statt und führte meist als
Umweg durch „et
Dörp“ also die Brunnenstraße. Diese eignete sich ganz besonders für
Streiche, die wir natürlich lustiger
als die Betroffenen fanden. |
![]() Messdiener 1930er Jahre
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Aus
der zweiten Besonderheit der Brunnenstraße ergab sich für uns eine Möglichkeit,
welche die Betroffene uns wohl mit Recht übelgenommen haben.
Denn damals gab es noch keinen
Kanal. Die Küchen lagen meist zur Straße hin, der Abfluß der Küchenbecken
hatte drinnen keinen Geruchverschluß und endete draußen in der Hauswand über
dem Bürgersteig. Nun war die damalige Lederfabrik Gammersbach für ihre
Lackleder bekannt. Für die verschiedenen, selbst hergestellten Lacke gab es übrigens
Rezepte, welche die Meister in handgeschriebenen Rezeptbüchern hüteten.
Eine Zutat dieser Lacke, die im
Krieg wohl noch vorhanden war, aber nicht mehr so gebraucht wurde,
waren alte Filme. Diese nahmen
wir mit in die Andacht und haben sie auf dem Heimweg angezündet und dann in die
ins Freie führenden Abflußrohre geschoben. Die glimmenden Filme verbreiteten
dann in den Küchen, die damals ja auch gleichzeitig Wohnraum waren, einen beißenden
Qualm.
![]() Bick in die Brunnenstraße
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Der
Martinszug war uns damals nur aus Erzählungen bekannt. Wir hatten gehört, daß
dabei die Laternen „Knollefackele“ waren, also Laternen, die aus
ausgehöhlten Futterrüben bestanden, in die ein Gesicht eingeschnitten war.
Geeignete Futterrüben waren damals schnell gefunden und präpariert. Diese
wurde auf ein Stück von einer alter Bohnenstange gesteckt und die Fackel war
fertig. Die Beleuchtung war schwieriger, denn Kerzen waren rar. Manchmal konnten
wir aber sogenannte „Hindenburglichter“ organisieren, die bei dem häufigen
Stromausfall insbesondere im Luftschutzkeller gebraucht wurden. Diese waren wie
ein Teelicht gefertigt, allerdings aus Pappe. Der Docht bestand ebenfalls aus
einem Stück Pappe und statt Wachs oder Stearin war eine Fettmasse eingefüllt.
Ein Fackelzug machte natürlich nur im Dunkeln Spaß. Nun muß man aber wissen,
daß damals wegen der Fliegeralarme absolute Verdunkelungspflicht bestand. Und
obwohl die kleine Lichtfunzel in der Rübe vermutlich keine 50 m weit zu sehen
war, hat ein Polizist, der aus der Bahnhofswirtschaft kam – der alte
Bundesbahnhof hatte eine solche auch noch bis weit nach dem Krieg – einmal
unseren kleinen Martinszug gesprengt und leider auch mit seinem Fahrrad einen
Zugteilnehmer erwischt, weil dieser nach Zuruf stehen blieb und nicht wie wir
anderen weitergelaufen war. Aus Angst hat er alle Namen verraten. Heute unverständlich,
wurde aus diesem harmlosen und auch im Krieg ungefährlichen Kinderspiel ein großer
Aufstand gemacht mit Vorladung und Vernehmungen bei der Polizei. |
Spiele
für größere Kindergruppen, bei denen auch Mädchen mitspielten, waren
„Räuber und Schandarm“ und ein ähnliches Spiel, das wohl nur an der
Bahn gespielt wurde und „Banne“ hieß. Es dauerte oft stundenlang.
In der Umgebung des Bundesbahnhofes gab es dort, wo heute der Parkplatz
ist, noch einen richtigen Park, in den im Krieg ein Löschteich gebaut wurde.
Darin lernten im Sommer viele Kinder das Schwimmen. Auch rechts vor dem Bahnhof
war ein dichter Baum- und Strauchbestand, der von uns gerne zum Spielen genutzt
wurde. Die genauen Spielregeln des
„Bannens“ sind mir aber nicht mehr geläufig und ich habe bisher auch keinen
mehr gefunden, der sich noch erinnern
konnte.
Auch
im allgemeinen Sprachgebrauch gab es damals eine Dreiteilung des Ortes, die sehr
häufig auch die Spielgruppen trennte, wenn nicht auf dem Schulhof gespielt
wurde. Da
waren die Kinder von „der Bahn“ , also der Bonner Straße mit Nebenstraßen,
die aus dem „Dörp“, also der Brunnenstraße, und den Kindern aus dem „Ovvedörp“
(Oberdorf), also alle, die oberhalb der Brunnenstraße wohnten.
Ein
Spiel mit Geld, das weder von den Eltern noch von den Lehrern gern gesehen
wurde, war das „Trimpele“.
Ich konnte die Herkunft des Wortes nicht ermitteln. Am Spiel teilnehmen konnten
nur, wer Geldmünzen hatte, und das waren längst nicht alle.
Ein
von Jungen und Mädchen gespieltes Spiel war „Kniggele“, also das
Spielen mit Murmeln aus Glas
oder gebranntem Ton. In anderen Orten unseres Sprachraumes sagt man auch „Knippen“,
was sich von dem hochdeutschen Wort „kneifen“ ableitet. Vermutlich wurde
daraus durch Lautverschiebung bei uns das „Kniggele“.
Wenn
im Sommer nicht in der Nähe der Wohnung oder der Umgebung des Brunnens gespielt
wurde, wo damals noch jeder kostenlos Mineralwasser trinken durfte, wurden Getränke
mitgenommen. Gekaufte Getränke waren nicht üblich.
Deshalb wurde „Letschekoochewasser“
statt Limonade selber gemacht. Manche sagten dazu auch „Koletschwasser“.
„Koletsch“ ist vermutlich die Dialektumformung von Lakritz, und der häufiger
gebrauchte Ausdruck „Letschekooche“ dann die Umformung in Verbindung mit dem
Wort „Kooche“, also Kuchen. Lakritz gab es damals – wenn es ihn überhaupt
gab – wie heute noch oft in Schneckenform.
Lakritzstücke wurden der in
einer Flasche mit Wasser geschüttelt, bis eine trinkbare Flüssigkeit
entstanden war. Auch
eine sprudelnde Limonade wurde aus Wasser, Zucker, Essig und Natron selbst
hergestellt.
Es
wäre schön, wenn jemand animiert würde, nach alten Fotos zu stöbern, auf
denen Spiele noch zu sehen sind, oder aber auch über andere, heute nicht mehr
übliche Spiele berichten könnte.