Das erste Roisdorfer Schulhaus
"Recycling" im 19. Jahrhundert
![]() Roisdorfer
Volksschule in der Brunnenstraße, 1960er Jahre |
Auch wenn die St. Sebastian Grundschule sich nun bereits seit vierzig Jahren „auf der Lüste“, also im hinteren Gelände der Friedrichstraße befindet, so können viele Roisdorfer sich doch noch gut an die gegen Ende der 1960er Jahre abgebrochene alte Volksschule in der Brunnenstraße erinnern, einen hohen und langgestreckten Backsteinbau, der die enge Straße geradezu zu erdrücken schien. Es war dem Bau deutlich anzusehen, dass er in verschiedenen Abschnitten errichtet worden war, um der stets wachsenden Zahl der Roisdorfer Schulkinder gerecht zu werden. So erfolgte eine erste Erweiterung im Jahre 1865, eine zweite im Jahre 1902. Der älteste Teil aber war leicht an seiner Fachwerkbauweise zu erkennen. In den Archiven der Stadt Bornheim und der Pfarrgemeinde St. Sebastian entdeckte Dokumente gestatten nun Einblicke die Anfänge dieses ersten Roisdorfer Schulhauses.
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Als
im Jahre 1817 auf Initiative der preußischen Verwaltung die erste Roisdorfer
Dorfschule gegründet wurde und der junge Lehrer Franz Bilstein, Sohn des
Brunnenverwalters, für die ca. 100 schulfähigen Kinder des Dorfes Unterricht
in Schreiben, Lesen, Rechnen, Biblischer Geschichte etc. anbot, stand ein
eigenes Schulhaus noch nicht zur Verfügung: Ein solches zu errichten,
überstieg die damaligen finanziellen Möglichkeiten der kleinen Gemeinde auch
bei weitem. Man richtete daher zunächst im geräumigen Drehsaal einer dem
gegenüber dem Mineralbrunnen in der Brunnengasse gelegenen ehemaligen Töpferei
die Schulstube ein. Das Haus, das die neue Schulstube beherbergte, war an der
Stelle des heutigen Hauses Klemmer, Brunnenstraße 80, gelegen und gehörte
damals einem gewissen Franz Mülhens, der nur gelegentlich in Roisdorf wohnte.
Mülhens,
Pächter des Roisdorfer Brunnens, hatte dort, als wegen der Kontinentalsperre
ein Bezug von Mineralwasserkrügen aus dem Westerwald nicht möglich war, seine Krüge von zwei aus dem Kannenbäckerland und aus Stuttgart
herbeigeholten Töpferfamilien herstellen lassen. Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft konnten die Krüge wieder aus dem Rechtsrheinischen
bezogen werden und der Drehsaal hatte ausgedient. Ihn als Schulstube
herzurichten, erforderte keinen allzu großen Aufwand.
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![]() Töpferei
für Mineralwasserkrüge des Brunnenpächters Mülhens |
![]() Bauaufnahme
des Gesindehauses der Wolfsburg, 1834 |
Lehrer Bilstein konnte nur ein Jahr lang als Lehrer wirken, überwarf er sich doch alsbald mit den Roisdorfer Schulvorständen, die ihm Unfähigkeit und charakterliche Schwächen vorwarfen. Man entließ ihn und berief statt seiner den begabten Sohn eines Roisdorfer Ackersmanns aus der Siegesgasse, Hilger Thiesen. Die angemietete Schulstube im Hause Mülhens blieb auch unter Lehrer Thiesen noch über lange Jahre hinweg ein Provisorium. Erst in den 30er Jahren konnte man darangehen, ein eigenes Schulhaus samt Lehrerwohnung zu errichten. Zu diesem Zweck vereinbarte 1832 der Roisdorfer Ortsvorstand mit Gerhard von Carnap, Bürgermeister der Bürgermeisterei Waldorf/ Bornheim, einen für beide Seiten lukrativen Tauschhandel: Carnap stellte ein geräumiges, zweistöckiges Fachwerkgebäude, das bei der ihm gehörenden Wolfsburg stand und in den benachbarten Teich zu rutschen drohte, der Gemeinde zur Verfügung. Bei dem (Wohn-)Gebäude dürfte es sich um ein in der Vorburg gelegenes, wohl aus dem Jahre 1721 stammendes Gesindehaus gehandelt haben. Wahrscheinlich bildete es einen Teil des heute fehlenden nördlichen Flügels der Vorburg. Die Gemeinde sollte nun laut Vertrag das Haus abbrechen und an anderem Ort als Schulhaus wieder aufrichten, während Carnap dafür die Jagd in der Gemarkung Roisdorf auf neun Jahre unentgeltlich erhalten sollte. Auch hinsichtlich eines Grundstücks, auf dem das Schulhaus errichtet werden konnte, wurde man rasch handelseinig. Ein Hanggrundstück in der Brunnengasse, auf dem Lindenberg gelegen, das Carnap von Thiesens Familie erworben hatte, sollte den Roisdorfern zum Tausch gegen zwei der Gemeinde gehörende, doch für sie kaum nutzbare Grundstücke überlassen werden. Der Waldorfer Gemeinderat stimmte diesen Vereinbarungen im Frühjahr 1834 zu, worauf der Roisdorfer Ortsvorstand umgehend mit dem Bonner Universitätsarchitekten Peter Joseph Leydel über die Erstellung eines Bauplans und eines Kostenanschlags verhandelte.
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Mit Leydel konnte man angesichts der doch recht bescheidenen Bauaufgabe einen renommierten Architekten, der aus einer bekannten Bonner Baumeisterfamilie stammte, gewinnen. So entwarf Leydel z.B. gemeinsam mit dem berühmten preußischen Baumeister Friedrich Schinkel die Bonner Sternwarte, gehen auf ihn mehrere Bauten in der Umgebung Roisdorfs zurück, wie z.B. die Pfarrkirche St. Gervasius und Protasius zu Sechtem. Leydel erhielt seitens des Ortsvorstands genaue Vorgaben. So wünschte man, dass das Erdgeschoss des Hauses, das den Schulsaal aufnehmen sollte, nicht nur mit Ziegelsteinen ausgemauert, sondern auch umkleidet werden sollte. Der Schulsaal sollte, da es zur Zeit etwa 80 schulpflichtige Kinder gebe, für ca. 100 Kinder eingerichtet werden, wobei man, entsprechend den geltenden Vorschriften der Schulbehörde, von fünf Quadratfuß Grundfläche pro Kind ausging. Der obere Teil des Hauses sollte als Lehrerwohnung dienen, zu der auch der Keller gehören sollte. Vorzusehen waren ebenso drei Abtritte, davon einer dem Lehrer vorbehalten, sowie ein kleiner Kuh-, Schweine- und Holzstall. Entsprechend sah der Plan, den Leydel im Sommer 1834 vorlegte, neben dem eigentlichen Schulhaus ein kleines Ökonomiegebäude mit den erforderlichen Einrichtungen vor. Lehrer Thiesen, dem die Planungsphase bereits viel zu lange währte, drängte den Ortsvorsteher Müller schriftlich, nun den umgehenden Baubeginn zu ermöglichen.
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![]() Plan
des Ökonomiegebäudes des ersten Schulhauses von Peter Joseph Leydel von 1834 |
![]() ältester
Teil der Volksschule, 1950er Jahre |
Zuvor hatten jedoch nicht nur der Gemeinderat, sondern auch die oberen Schulbehörden noch ihre Zustimmung zu erteilen. Schulpfleger Lohé hatte indes nicht nur Bedenken wegen ihm zu gering erscheinende Größe des Schulsaales – die angenommene Kinderzahl sei zu niedrig angesetzt –, sondern vor allem wegen der gänzlich verwilderten vorgesehenen Baustelle in der Brunnengasse, die er im Vorbeifahren gesehen und die ihn – wie er in einer Aktennotiz vermerkte – zu einem „Notseufzer“ bewegt hatte: „Sie kam mir vor wie ein Valombrosa, wohin man eher eine Trappisten- oder sonstige Einsiedlerklause als ein Schulhaus setzen sollte“, auch erinnerte ihn die Flur an einen in einem Lied beschriebenen Fleck, „wo tief zwischen Ranken der Wildnis versteckt kein menschliches Wanken den Träumenden schreckt.“ Konkret befürchtete er, dass wegen der schattigen Hanglage der Schulsaal stets feucht und „mufferig“ sein werde.
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Nachdem indes alle erforderlichen Genehmigungen vorlagen und die Finanzierung geklärt war, konnte man im Frühjahr 1835 den Bau in Angriff nehmen, für den zunächst eine große Menge Erdreich abzuräumen war. Planänderungen und Mängel bei der Bauausführung verzögerten die für den Oktober 1835 vorgesehene Fertigstellung. Erst nachdem die Mängel im Herbst 1836 beseitigt waren, konnte Lehrer Thiesen bei der Gemeinde um die Genehmigung bitten, die neue Schule beziehen zu dürfen, wobei er die schulfreie Zeit der Weinlese dazu nutzen wollte, die Schulgeräte hineinzuschaffen, was sonst noch notwendig sei zu besorgen und mit dem Schulofen den Saal einzuheizen. Mit seinen Jungen und Mädchen zog Lehrer Thiesen nun in das schmucke neue Schulhaus, in dem er bis zu seinem Tod im Jahre 1839, den Unterricht abhalten sollte. Bei der ersten Erweiterung des Schulhauses 1865 wurde der bisherige Schulsaal zu einer Lehrerwohnung umgebaut.
Es ist kaum verständlich, dass man das historische Gebäude, wie so manches andere im Dorf, gegen Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts kurzerhand abriss. Auf seinem Gelände befindet sich seither ein öder Parkplatz, auf dessen rückwärtige Teile die Beschreibung von Schulpfleger Lohé aus dem Jahre 1834 durchaus wieder zutrifft.
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![]() Schulklasse
auf dem Schulhof, Anfang 20. Jahrhundert |
Ernst Gierlich, "Opst statt Obst, raupfen statt raufen" - Die Anfänge der
Roisdorfer Dorfschule (1815-1839).
In: Bornheimer Beiträge zur Heimatkunde, Heft 6, hrsg.
vom Heimat- und Eifelverein Bornheim e.V., Bornheim 2001, S. 28-44.