Hochmeister Paul von Rusdorf

Ein Roisdorfer an der Spitze des Deutschen Ordens (1422 - 1441)

Mit vielbeachteten Ausstellungen wurde vor einigen Jahren der Gründung des Deutschen Ordens im Jahr 1190 gedacht. Dieser Orden, dem zu recht eine große Bedeutung für die deutsche Geschichte zugesprochen wird, hat im Laufe seines 800-jährigen Bestehens viele Wandlungen erfahren. Seine Anfänge nahm er während des dritten Kreuzzugs als Feldspital vor Akkon im Heiligen Land. Schon nach kurzer Zeit wurde er zu einem Ritterorden umgeformt, der den Kampf für den christlichen Glauben und gegen das Heidentum nicht nur im Heiligen Land, sondern bald auch im Land der Prußen an der Ostsee aufnehmen sollte. In Preußen übte der Orden aber auch Aufgaben der Besiedlung und Kultivierung des Landes aus, schuf er sich ein starke eigenes Staatswesen. 1309 verlegte der Hochmeister des Deutschen Ordens seine Residenz von Venedig auf die an der Nogat, einem Mündungsarm der Weichsel gelegene Marienburg. Als der preußische Deutschordensstaat im 16. Jahrhundert in ein weltliches Territorium umgewandelt wurde und auch die livländischen Teile verloren gingen, sah sich der Orden auf seine im Reich gelegenen Balleien (Ordensprovinzen) zurückgeworfen. Nachdem er im 19. Jahrhundert auch dieser Besit­zungen weitgehend verlustig ging, zeigt der Orden sich heute wieder als rein geistliche Institution, die sich vielfältigen karitativen Aufgaben widmet, Krankenhäuser und Altenheime unterhält.

Der Sterffelshof auf dem Donnerstein zu Roisdorf

Nur wenigen Bewohnern Roisdorfs war bis vor kurzer Zeit bekannt, dass sich unter den Hochmeistern des Deutschen Ordens ein aus ihrem Heimatort stammender Mann befand: Paul von Rusdorf (= Roisdorf), der den Orden in den Jahren 1422 bis 1441 leitete. Paul gehörte einem Geschlecht von Ministerialen, d.h. Dienstleuten des Kölner Erzbischofs an, das seit dem frühen 13. Jahrhundert nachzuweisen ist und dessen Güter in der Umgebung Roisdorfs, in Alfter, in Hemmerich und an anderern Orten gelegen waren. Sitz dieser Ritter war eine Burg, die viele heutige Roisdorfer noch gut gekannt haben, ohne sich deren alter Tradition bewusst gewesen zu sein: Es war der 1969 abgerissene Sterffelshof auf dem Donnerstein im Oberdorf. Was sich damals als verfallenes Fachwerkgehöft zeigte, dessen Haupthaus sich an einen steinernen, ca. vier Meter hohen, viereckigen Turmstumpf oder Wohnturm anlehnte, war der mehrfach umgebaute Rest der mittelalterlichen Burganlage, über deren frühere Ausdehnung keine zuverlässigen Angaben gemacht werden können.

Von den Mitgliedern der mit den Alfterer Herren verwandten ritterlichen Familie im 14. und 15. Jahrhundert kennen wir eine Reihe mit Namen. So ist in Urkunden dieser Zeit z.B. der Ritter Gozwinus von Roysdorp bezeugt, ebenso Ritter Herrmann von Roisdorf, dessen Sohn Gumbrecht oder auch Hermanns Schwester Benedicta, die - wie weitere Frauen ihrer Familie - Klosterfrau in Merten an der Sieg war. Weiterhin kennt man Namen wie Johannes, Tilman oder Phawein von Roisdorf. Überhaupt scheint der Name Phawein (Pawyn, Pawein) ein Leitname in der Familie gewesen zu sein und es ist anzunehmen, dass auch Paul von Rusdorf eigentlich Pawein hieß, was dann in den Quellen des Deutschen Ordens zu Paulus latinisiert bzw. in polnischen Quellen zu Pawel polonisiert wurde.

Mehr zu den ritterlichen Vorfahren Pauls erfahren Sie hier. 

Nun findet sich jedoch in den rheinischen Urkunden nirgends der Name Paul von Roisdorf, so dass man bezweifelt hat, daß dieser tatsächlich ein Mitglied der ritterlichen Familie von Roisdorf war. Ein Überlieferungszweig bezeichnet gar Kärnten als die Heimat Pauls. Seine Herkunft aus dem Rheinland ist jedoch sicher bezeugt, etwa durch einen Brief des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Dietrich von Moers, mit dem Paul in engem Kontakt gestanden hatte. In diesem Brief aus dem Jahre 1441 bezeichnet der Erzbischof den verstorbenen Hochmeister als "in unserem Stift (Erzbistum) geboren". Pauls rheinische Landsmannschaft ist zudem in zeitgenössischen Briefen und in Chroniken mehrfach bezeugt, etwa in der Älteren Hochmeisterchronik, die ebenfalls kurz nach dem Tod Pauls angibt, dass des Hochmeisters "landart die niederrheynische" gewesen sei. Die wappenkundliche Forschung erhärtet die Zuordnung, indem sie nachweist, dass die rheinische Familie ebenso wie der Hochmeister als Wappen im geteilten Feld ein in zwei Reihen rot-silbern geschachtes Andreaskreuz geführt hat, übrigens nicht nur deren in Roisdorf lebender, sondern auch der in Hemmerich ansässige Teil der Familie.

Das Jahr von Pauls Geburt ist nicht überliefert. Dies ist nicht verwunderlich, da es auch noch im späten Mittelalter keineswegs üblich war, dergleichen zu verzeichnen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass er in den 80er Jahren des 14. Jahrhunderts geboren wurde. Wann er in den Deutschen Orden eintrat und nach Preußen zog, ist ebenfalls nicht bekannt. Dass er den Weg in das ferne Preußen einschlug, war zu seiner Zeit alles andere als ungewöhnlich. Aus der rheinischen Ritterschaft stammte seit dem 14. Jahrhundert ein beträchtlicher Teil der Ordensbrüder, mancher stieg zu hohen Verwaltungsämtern auf. So hatte z.B. bereits von 1352 bis 1382 der Rheinländer Winrich von Kniprode die Hochmeisterwürde inne. Pauls erstes Amt ist für das Jahr 1412 bezeugt. Er wurde damals sogenannter Pfleger auf der Rastenburg, ca. 75 km südwestlich von Königsberg gelegen. In den folgenden Jahren wirkte er als Komtur verschiedener Ordensburgen, bevor er ab 1414 rasch nacheinander die Ämter eines Tresslers, eines obersten Trappiers und eines Grosskomturs auf der Marienburg, dem Hochmeisterresidenz, bekleidete. Paul gehörte damit zum Kreis der Großgebietiger des Ordens, also zu den unmittelbar dem Hochmeister nachgeordneten Personen. Indem er die einzelnen Ämter durchlief, verschaffte er sich gründliche Kenntnisse über die verschiedenen Bereiche der Ordensverwaltung. Angesichts dieser steilen Karriere in der Ordenshierarchie verwundert es nicht, dass das Generalkapitel ihn im Jahr 1422 zum Hochmeister und damit zum Oberhaupt des Ordensstaates wählte.

Von seinem zurückgetretenen Vorgänger Michael Küchmeister erbte Paul indessen eine Reihe von inneren und äußeren Gefährdungen, die sein ganzes Wirken als Hochmeister wesentlich bestimmen sollten. So bestand die Bedrohung des Ordenslands durch das erstarkte König­reich Polen-Litauen unvermindert fort, das von König Wladyslaw-Jagiello angeführt wurde, der dem Orden in der Schlacht von Tannenberg 1410 mit seinem vereinigten polnischen und litauischen Heer eine katastrophale Niederlage beigebracht hatte. Blutige kriegerische Auseinandersetzungen im Jahre 1422 endeten mit dem unsicheren Frieden von Melnosee, der für den Orden nicht unerhebliche territoriale Einbußen mit sich brachte. Nur durch eine geschickte Annäherung an den benachbarten Großfürsten Witold von Litauen, der ungeachtet der Union mit Polen eigene Wege zu gehen bestrebt war, konnte Paul in den folgenden Jahren König Wladylaw-Jagiello von der Aufnahme neuer Kämpfe abhalten.

Marienburg (Malbork) an der Nogat

Es erwies sich als günstig, dass Paul - anders als sein Vorgänger Michael Küchmeister - sich eines gewissen Rückhalts durch den Römischen und ungarischen König Sigismund erfreuen konnte. Dieser benötigte Unterstützung in seinem Kampf gegen die militante Hussitische Bewegung, die ihm der Deutsche Orden unter Paul in Form der sog. "Hussitensteuer" zukommen ließ. Zudem wurde Sigismund von den Kurfürsten Dietrich von Köln und Ludwig von der Pfalz dazu gedrängt, dem Deutschen Orden beizustehen, war ihnen doch bewusst, wie notwendig ein gefestigter Orden nicht nur im Hinblick auf die Christianisierung des nordwestlichen Europa, sondern auch in seiner Funktion als "Spital des Adels deutscher Nation", also als Versorgungsanstalt für nachgeborene Söhne des deutschen Adels war.

Hochmeisterwappen Pauls von Rusdorf

 

Erneute kriegerische Verwicklungen mit der Krone Polen ab dem Jahre 1433 brachten für große Teile des Ordensgebietes Tod und Verwüstung. Bei seinen intensiven Bemühungen um Waffenstillstand und Friedensvertrag drohte Paul zwischen den Befürwortern und den Gegnern einer Friedensvermittlung zerrieben zu werden. Während sich Ritterschaft und Städte des Ordensstaates für einen raschen Frieden mit weitgehenden, auch territorialen Zugeständnissen an die polnische Krone stark machten, befürwortete Sigismund, hierin von dem ehrgeizigen Deutschmeister Eberhard von Seinsheim unterstützt, eine Fortsetzung des Krieges. In dem sog. Ewigen Frieden von Brest, der 1435 ausgehandelt wurde, musste Paul erneut eine beträchtliche Schwächung des Ordens hinnehmen, durfte dieser doch z.B. fortan keine politischen Bündnisse mehr gegen den Willen des polnischen Königs eingehen.

Ein weiteres Krisengebiet war neben Polen- Litauen der Balkanraum, wo es galt, Ungarn vor einer Einnahme durch die herandrängenden Türken zu bewahren. Auf Bitten des Königs Sigismund entsandte Paul im Jahr 1429 eine Expedition von Ordensrittern an die Donau, die dort den Heidenkampf aufnehmen sollten - ein Experiment, das freilich schon bald ohne Erfolg abgebrochen werden sollte.

Die Schwäche des Ordensstaates zur Zeit Pauls hatte immense Auswirkungen auf den Ostseehandel der preußischen Hansestädte (Kulm, Thorn, Elbing, Danzig, Königsberg und Braunsberg), denen es zunehmend schwerer fiel, ihre Interessen innerhalb des Hansebundes zur Geltung zu bringen. Paul selbst schaltete sich ein, als im Krieg zwischen den wendischen Hansestädten und König Erich von Dänemark aufgrund der Sperrung des Sundes aller Handel zum Erliegen gekommen war. Er vermittelte 1431 persönlich einen fünfjährigen Waffenstillstand, der auch den preußischen Hansestädten wieder eine Beteiligung am lukrativen Norwegenhandel möglich machte. Wachsende Differenzen mit dem Hochmeister ließen die preußischen Hansestädte jedoch im weiteren Verlauf der dreißiger Jahren in immer stärkere Nähe zu Lübeck und damit in dessen Abhängigkeit geraten.

Schilling Pauls von Rusdorf

 

Hochmeister Paul von Rusdorf,
Wandgemälde im Kapitelsaal der Marienburg, Ende 15. Jahrhundert

Dies hatte seine Ursache in einem weiteren Problem, mit dem sich Paul auseinander zu setzen hatte, nämlich dem Streben der preußischen Stände, also der Vertreter von Ritterschaft, Domkapiteln und Städten, nach stärkerer Beteiligung an der Verwaltung im Ordensstaat, nach einer Mitsprache in Fragen der Außen- und Wirtschaftspolitik. So erhoben die Stände, die bislang keine aktive Rolle im Streit der Landesherren gespielt, vielmehr die Verwüstung ihrer Güter durch Kriegszüge und Belagerungen der jeweiligen Heere erduldet hatten, im Krieg von 1422 erstmals ihre Stimme und drohten bei einer Fortsetzung der kriegerischen Auseinandersetzungen offen mit einem Abfall von der Ordensherrschaft. Paul sah sich 1432 angesichts ihrer anhaltenden Widerstände gezwungen, einzelnen Mitgliedern der Stände in einem sog. Landesrat Mitspracherechte bei außenpolitischen Entscheidungen wie Kriegseröffnungen, Friedensschlüssen und Bündnisabschlüssen einzuräumen. Als Gegengewicht zu den Ständen versuchte Paul, Bauern und Handwerker zu fördern und sie gegen die Willkür der Stände und auch der Träger der Ordensverwaltung in Schutz zu nehmen, indem er sich auf seinen regelmäßigen Rundreisen durch das Ordensland Beschwerden und Anliegen anhörte und auf eine Abstellung von Missständen drängte, was ihm beachtliche Sympathien seitens der einfacheren Bevölkerung eintrug.

Angesichts der Schwäche der Ordensherrschaft verfolgten die einzelnen Teile des Deutschen Ordens (Livland, Preußen, die Balleien im Reich) zunehmend eigene Interessen und drifteten weiter auseinander. Insbesondere der den Balleien im Reich vorstehende, nach Eigenständigkeit strebende Deutschmeister Eberhard von Seinsheim betrieb, wie erwähnt, bisweilen offene, ja feindselige Oppositionspolitik. Mittels gefälschter Ordensstatuten versuchte Eberhard dabei seine Ansprüche zu untermauern. In einem offenen Schreiben an alle Gebietiger des Ordens erklärte der Deutschmeister den Hochmeister gar für abgesetzt: Nie habe man vernommen, dass ein Hochmeister so unredlich regiert habe, wie der genannte Bruder Paul und dass der Orden nie so schwerlich abgenommen habe als zu seinen Zeiten. Die Absetzungserklärung blieb zwar unwirksam, doch auch Paul vermochte es nicht, die seinerseits ausgesprochene Absetzung Eberhards durchzusetzen.

Widerstände gab es auch gegen Pauls als einseitig empfundene Personalpolitik: Wie von oberdeutschen, also aus Franken, Bayern oder Schwaben stammenden Ordensrittern, aber auch von solchen aus Westfalen, bemängelt wurde, favorisierte Paul für höhere Verwaltungsämter seine rheinischen Landsleute. Ob diese Kritik zu recht geäußert wurde, sei dahingestellt. Spottverse, mit denen die verschiedenen landsmannschaftlichen Gruppen einander verhöhnten und die in die Remterfenster der Marienburg eingeritzt wurden, waren harmlose Begleiterscheinungen dieser Auseinandersetzungen um Macht und Einfluss. Obwohl sich alle Parteien in der Zeit um 1440 um Kompromisse bemühten, kam es doch nicht zu einer Beruhigung der inneren Verhältnisse des Ordens.

 

Von den zahlreichen Auseinandersetzungen körperlich und seelisch erschöpft trat Paul am 2. Januar des Jahres 1441 von seinem Hochmeisteramt zurück. Sein Wunsch, den Lebensabend als Ordenspfleger an einem masurischen See zu verbringen, blieb unerfüllt, da er den Rücktritt nur um wenige Tage überlebte: Er starb am 9. Januar 1441 auf der Marienburg und wurde dort in der Gruftkapelle St. Annen beigesetzt, also in der Unterkirche der Marienburger Schlosskirche, der traditionellen Grablege der Hochmeister. Ein Grabstein Pauls hat sich freilich nicht erhalten, wie überhaupt sein Grab, dessen Stelle vor der Zerstörung der Schlosskirche der Marienburg im Zweiten Weltkrieg noch durch das Wappenschild Pauls markiert wurde, heute nicht mehr erkennbar ist.

 

Hochmeistergräber in der Annenkapelle der Marienburg

Liest sich die kurze Beschreibung der Tätigkeit Pauls als Hochmeister auch wie die eines Scheiterns, so ist doch zu bedenken, dass Paul die Leitung des Deutschen Ordens zu einer Zeit übernehmen musste, in der der Orden längst nicht mehr in seiner Blüte stand, dieser vielmehr - nicht zuletzt im Schatten der Niederlage von Tannenberg 1410 - eine der schwersten Krisen seiner langen Geschichte durchzustehen hatte. Dies kann Paul, der sich redlich und engagiert um einen Ausgleich der widerstreitenden Interessen und um Reformen zum Zweck der Überwindung der Krise bemühte, nicht angelastet werden. Erschwerend trat für ihn hinzu, dass die Spannung zwischen den Idealen eines geistlichen Ritterordens und den weltlichen Aufgaben der Lenkung eines Staates in seiner Zeit verstärkt zu wirken begann. Paul scheint diese Spannung tief empfunden zu haben. Trotz aller Inanspruchnahme durch die weltlichen Regierungspflichten legte er Wert darauf, sich intensiv um die geistlichen Belange der Bruderschaft zu kümmern. Hier bemühte er sich um eine Rückbesinnung auf die altehrwürdigen Ideale: Er arbeitete daran, die Ordensstatuten im Geist der Frömmigkeit und Askese zu ergänzen, stetig mahnte er zur Pflege von Gebet und Gottesdienst. Zu einer Reform der Statuten unter Rückbesinnung auf die Werte der Gründungszeit des Ordens kam es indes erst im Jahr nach Pauls Tod.

Als Persönlichkeit wurde Paul allgemein geschätzt. Bei aller harten Kritik, die die Verfasser der zeitgenössischen Chroniken an seiner Politik übten, lobten sie doch einmütig Geistesschärfe, Verhandlungsgeschick, Frömmigkeit und Tugenden dieses an körperlicher Gestalt kleinen Mannes. Die Danziger Chronik vom Bunde, kurz nach 1466 verfasst, drückte es so aus: "... er war ein guter frommer Mann mit Gebeten und mit Sitten und erwies sich lieblich gegen jedermann mit Lachen und heimlichen Worten, so dass die Polen ihn den 'Heiligen Geist' nannten".

Anders als in der Ordensüberlieferung ging die Erinnerung an Paul in seiner Heimat in den folgenden Jahrhunderten weitgehend verloren. Dies mag seinen Grund nicht zuletzt darin haben, dass das Geschlecht der Ritter von Roisdorf noch im 15. Jahrhundert ausstarb bzw. seine Mitglieder sich nach anderen Sitzen benannten. Paul kann als der letzte bekannte Angehörige der Familie gelten. Der Stammsitz der Ritter von Roisdorf auf dem Donnerstein wechselte wohl noch im 15. Jahrhundert den Besitzer. Seinen Namen Sterffelshof dürfte er von einem gewissen Stephan erhalten haben, wird das Anwesen doch immer wieder auch als "Stevenshoff" oder "Stephanshoff" bezeichnet. Im Jahr 1599 gehörte der Hof Wilhelm Wolff von Bergheimerdorf und Roisdorf, der damals auch den Broicher Hof, also die später nach ihm benannte Roisdorfer Wolfsburg, als adligen Sitz innehatte. 1647 brachte das Bonner Cassiusstift den Sterffelshof in seinen Besitz und betrachtete ihn als Allodialgut, das nicht dem Herrschaftsbereich der Alfterer Grafen von Salm-Reifferscheidt-Dyck eingegliedert war. Die Besitzverhältnisse der zu dieser Zeit bereits ruinösen Burg waren indes unklar und erst nach jahrzehntelangem Rechtsstreit fand sich die Familie von Wolff  im Jahr 1708 in einem Vergleich zur Anerkennung der Besitzrechte des Cassiusstifts bereit. Nach der Aufhebung der rheinischen Klöster und Stifte zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam auch der Sterffelshof an einen weltlichen Eigentümer. Er wurde 1805 zusammen mit Gartenland, Weinbergen, Wiesen, Feld und Wald an die Kölner Familie Weyer verkauft. Der Hof gehörte wenig später dem Ortsvorsteher Conrad Müller, dessen Nachkomme Josef ihn 1868 an Wilhelm Bernarz verkaufte. Bis zuletzt blieb er im Besitz der Familie Bernarz. Dass man den Hof in unserer Zeit - zudem ohne besondere bauliche Untersuchung und Dokumentation - abriss, bedeutet einen großen, leider keineswegs den einzigen Verlust an historischer Bausubstanz, den Roisdorf in den vergangenen Jahrzehnten erleiden musste. Nur einige aufbewahrte Fundamentsteine, die ursprünglich von einem römischen Bauwerk stammen könnten, zeugen heute noch von der mittelalterlichen Burganlage.

Paul von Rusdorf nach Christoph Hartknoch, Altes und neues Preussen, 1684

Paul von Rusdorf/ Roisdorf kann mit Recht als der größte Sohn dieses Vorgebirgsortes bezeichnet werden. Ein zeitgenössisches Porträt von ihm gibt es nicht. Auf ihn und seine Familie weisen jedoch seit einigen Jahren die Ortsfahnen hin, mit denen zu Kirmes und anderen Festlichkeiten viele Häuser Roisdorfs geschmückt werden. Sie zeigen sie das Wappen des Rittergeschlechts, und zwar in den Farben, in denen Paul es - zumindest nach Auskunft des zeitgenössischen Wappenbuchs des Hans Haggenberg - führte, und die auch später in den Geschichtswerken des Deutschen Ordens überliefert wurden: Auf blau-gold geteiltem Schild das rot-silber geschachte Andreaskreuz. Das Wappen kann inzwischen als Roisdorfer Ortswappen gelten. Mit ihm wird die Erinnerung an den bedeutenden, wenn auch glücklosen Ordensmann und Politiker des späten Mittelalters lebendig erhalten.


Literatur:

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Benninghoven, Friedrich: Unter Kreuz und Adler. Der Deutsche Orden im Mittelalter. Katalog der Ausstellung des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz anläßlich des 800jährigen Bestehens des Deutschen Ordens, Berlin 1990.

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Ders.: Paul von Rusdorf, Hochmeister des deutschen Ordens, in: Ostdeutsche Gedenktage 1991 - Persönlichkeiten und historische Ereignisse, hg. von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn 1990, S. 21 - 25. Dieser Artikel ist auch online verfügbar unter www.ostdeutsche-biographie.de

Neitmann, Klaus: Die Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen - ein Residenzherrscher unterwegs. Untersuchungen zu den Hochmeisteritineraren im 14. und 15. Jahrhundert (Veröffent­lichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Bd. 30), Köln/ Wien 1990.

Ders.: Die Außenpolitik des Deutschen Ordens zwischen preußischen Ständen und Polen-Litauen (1411 - 1454), in: Westpreußen-Jahrbuch 42 (1992), S. 49 - 64.

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800 Jahre Deutscher Orden, Ausstellungskatalog des Germanischen Nationalmuseums, hg. vom Germanischen Nationalmuseum und der Internationalen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens von Gerhard Bott und Udo Arnold, Gütersloh/ München 1990.

Dieser Artikel von Ernst Gierlich ist unter dem Titel "Vom Sterffelshof auf die Marienburg. Hochmeister Paul von Rusdorf (1422 - 1441) - ein Roisdorfer an der Spitze des Deutschen Ordens" erschienen in: Bornheimer Beiträge zur Heimatkunde, Heft 5, hrsg. 1999 vom Heimat- und Eifelverein Bornheim e.V.