Sankt
Martin
Altes dörfliches Brauchtum in moderner Form
„De hellije zente Meartes, dat woar ne joode Mann./
Er joov der Köngde Kearzje on stooch se seleve aan./
Botz, botz, wedde botz, dat woar ne joode Mann./
Hier
wohnt ein reicher Mann, der uns vieles geben kann./
Viel soll er geben, lange soll er leben!/
Selig soll er sterben, das Himmelreich erwerben!/
Lasst uns nicht so lange, lange stehn,/
denn wir müssen weitergehn, weitergehn!“
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In jedem Jahr am Vorabend des Festes des hl. Martin von Tours ziehen die Roisdorfer Kinder durch die Straßen ihres Ortes und singen dieses Lied zu Ehren des bedeutenden frühchristlichen Heiligen. So schön das Lied auch klingt (die Melodie finden Sie hier), so seltsam erscheint aber doch, dass eigentlich nichts über Leben und Wirken des guten hl. Martin ausgesagt wird. Dass er aber, wie das Lied behauptet, den Kindern Kerzchen gegeben und sie selbst angezündet habe, ist weder in Martins Lebensbeschreibung zu finden, doch könnte es der Grund für seine große Verehrung sein. Was also hat es mit diesem bereits im 19. Jahrhundert beliebten Lied auf sich. |
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Das Lied führt uns zurück in eine Zeit, in der das
Martinsbrauchtum noch nicht die heute im Rheinland vertrauten Formen hatte: St.
Martin in römischer Soldatenuniform – mancherorts auch in bischöflichem
Ornat – hoch zu Ross, festlicher Zug der singenden und bunte Papierfackeln
tragenden Kinder, Blaskapellen und Gänsewagen, großes Feuer an zentraler
Stelle des Dorfes, organisierte Verteilung von Weckmännern an die Kinder und
Martinsverlosung.
All dies wurde erst
in den 1920er Jahren im Rahmen einer
umfassenden Reform des rheinischen Martinsbrauchtums eingeführt. Man änderte
damals die althergebrachten Formen des Brauchtums, da diese nicht mehr in die
moderne Zeit zu passen schienen. In Bonn, seit jeher
einem Zentrum der Martinsverehrung, wurde der erste Martinszug im Jahre 1924
organisiert. In Roisdorf folgte man diesem und dem Vorbild
anderer Orte ringsum. Für 1929 ist erstmals ein eigener Roisdorfer Martinszug
belegt, doch
könnte der erste Zug auch bereits ein oder zwei Jahre früher durch die
Dorfstraßen gezogen sein.
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unbekannter Roisdorfer St. Martin mit Gänselieseln und Gänsejungen, ca. 1927 |
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Wie sah nun das Martinsbrauchtum im Rheinland vor der Reform aus?
Seine wichtigsten Elemente waren die sogenannten Heischegänge und die
Martinsfeuer, beides allein von der Dorfjugend, den „Meartesjonge“
organisiert. Bei den Heischegängen, (= Bitt- oder Bettelgängen) ist
zwischen dem Gang, der der Beschaffung von Brennmaterial für die
Martinsfeuer diente und der daher in den Tagen oder gar Wochen vor dem
Martinsabend stattfand, und dem Gang zur Beschaffung von allerlei
Lebensmitteln am Martinsabend selbst zu unterscheiden, auch wenn beides
durchaus ineinander übergehen konnte. Ein von der Ahr überliefertes
Lied zeigt, was man als Brennmaterial bevorzugte: „Dotz, dotz
Dollendorf, jett oss nen aalen Meeteskorf, jett os en Büsch Strüh,
verbrenne mer Läus on Flüh.“ Insbesondere alte Körbe wurden
also erbeten. Dass man gerade sie zum Verbrennen bestimmte, scheint zum
Zeichen für das Ende der Erntezeit geschehen zu sein. Auf die uralte
Vorstellung von der reinigenden Kraft des Feuers verweist dagegen das
Stroh, mit dem Läuse und Flöhe verbrannt werden sollten. Selbst gegen
die Mäuseplage sollte das Verbrennen des Strohs helfen. So riefen z.B.
in Lengsdorf die Jungen beim Heischegang aus: „Mus, Mus komm erus,
us dem ahle Wiertshuus“, dies zum Zeichen, das man die Mäuse
herauslocken und ebenfalls unschädlich machen wollte. Mancherorts
wurden auch die „Meartesbotz“ und andere alte Kleidung erbettelt:
auch diese Sitz des zu vernichtenden Ungeziefers und damit symbolisch
von allerhand Bösem.
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| Nicht
nur eine, sondern gleich mehrere Gruppen von Jungen eines Dorfes bemühten sich
um das Sammeln von Brennmaterial – jede Gruppe für ein eigenes Martinsfeuer.
Auch in Roisdorf wurden so stets an verschiedenen Stellen Martinsfeuer
aufgebaut. Da jede Gruppe natürlich das größte und schönste Feuer haben
wollte, konnte es nicht ausbleiben, dass man sich das gesammelte Brennmaterial
gegenseitig streitig machte. Eine Bewachung war nötig, damit das Brennmaterial
nicht gestohlen oder gar vorzeitig von einer konkurrierenden Gruppe angesteckt
wurde. Insbesondere vor den Jungen aus den Nachbarorten hatte man sich zu hüten.
So nahmen etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts Roisdorfer Jungen, die ihr
Brennmaterial im Hüsbroich oberhalb der Wolfsburg aufschichteten, den Feldschütz
mit, der die Botzdorfer Dorfjugend fernhalten sollte.
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Der Heischegang am Martinsabend galt, wie gesagt, den Lebensmitteln:
also Äpfel, Birnen, Nüsse und Weck. Der heute selbstverständliche
Weckmann, im Bonner Raum „Hitzemann“ genannt (ein ursprünglich
einen Bischof darstellendes Gebildebrot) wanderte erst später vom
Nikolaus- ins Martinsbrauchtum. Auf die „Butzen“, also die
getrockneten Apfel- und Birnenscheiben, die man sich als Süßigkeiten
erbat, verweist das „Botz, botz wedde botz“ des Martinslieds. Man
verschmähte aber auch Würste nicht. Da um den Martinstag herum oft
geschlachtet wurde und die Frauen Wurst kochten, lautete ein Impekovener
Martinslied: „Meartesovend/ maache de Wiewer de Wüerschje,/ wenn
se keene Teller hann,/ dann hange se se op de Düerche.“
Natürlich wurde den Spendern der guten Gaben herzlich gedankt. Unser
Martinslied, in dem dem „reichen Mann“ für seine Gaben das
Himmelreich verheißen wird, gehört an diese Stelle. Geizhälse hatten
hingegen Spottverse zu erwarten. Verbreitet waren im Bonner Raum die
Sprüche „Dat Huus steht op eenem Penn, der Gitzhals, der wonnt
medden drin.“, und „Et soß en Kroh op dem Daach, on peckt
der Maad e Og us, e Og us, e Og us.“
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| Dass bei dem abendlichen Heischegang Kerzen bzw. Laternen
mitgeführt wurden, bezeugt unser Martinslied, bei dem der Vers „er
joov der Köngde Kearzje on stooch se seleve aan“ aus dem
ursprünglichen „er schnick sich e Stöck vom Mantel av on joov et em
ärme Mann“ umgedichtet wurde. Papierfackeln waren dagegen noch
unbekannt, sogar die ausgehöhlten Runkelrüben mit eingeschnittenenen
Gesicht sind eine recht junge Zutat. Beim Heischegang in unserer Gegend
wurde auch häufig der „Äerzebär“ wie ein Tanzbär mitgeführt, der
auch bei anderen Festen des Jahres, wie beim Ende der Weinlese und an
Fastnacht – dessen heutigen Formen ebenfalls nicht zuletzt eine
Umformung der traditionellen Heischegänge darstellen – in Aktion trat.
Das Hauptbekleidungsstück des Äezebär war ein über den Kopf
gestreifter Sack, als Kopfbedeckung diente ein umgedrehter Korb, um den
Rumpf hatte er einen Wickel aus Erbsenstroh, ein Fuchsschwanz war an
entsprechender Stelle angeheftet. Korb und Stroh können dabei als Hinweis
auf das Martinsfeuer verstanden werden.
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Der Ursprung der Martinsfeuer ist, wie bei anderen Jahresfeuern,
kaum zu klären. Auf ihre Funktion als Reinigung von Unreinem und Bösem wurde
bereits hingewiesen. Das Feuer betrachtete man aber auch als Schutz vor Frost,
Blitz und Hagelschlag. Mancherorts glaubte man, dass – soweit Asche fliege –
die Felder fruchtbar würden. Ob man auch bei uns solche Vorstellungen pflegte,
ist nicht bezeugt. Das Martinsfeuer diente vielmehr eher der Belustigung der
Dorfjugend, die um es herumtanzte und allerhand Unfug trieb, etwa die Mädchen
mit Asche schwarz machte.
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| Weltliches
und Geistliches mischt sich im Martinsbrauchtum, sowohl in der früheren, als
auch in der heutigen, reformierten Weise des Feierns. Man mag bedauern, dass das
Brauchtum durch die Reform viel von seiner Ursprünglichkeit verloren hat, dass
lokale Besonderheiten ausgelöscht wurden. Positiv ist jedoch zu werten, dass
man in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Form fand, in der das
Brauchtum, das bereits als aussterbend galt, am Leben erhalten und sogar noch
weiter verbreitet werden konnte. Zudem wurde durch die Reform die bedeutende
Heiligengestalt des hl. Martin, dessen sich die Kinder auf ihren Heischegängen
einst kaum bewusst gewesen sein dürften, wieder in den Mittelpunkt des
Geschehens gerückt. Erfreulich ist aber auch, dass die Reform nie hat
verhindern können, dass die Kinder an Martinsabend nach dem Zug auf eigenen
Faust mit ihren Fackeln singend durch das Dorf ziehen, um in den einzelnen Häusern
zu „schnöerzen“. In der Form des Schnöerzens ist so ein Stück urtümliches
Brauchtum erhalten geblieben.
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Lieder, mit Noten und Ton, ferner Informationen über Leben und Wirken des hl. Martin von Tours sowie über das mit seinem Gedenken verbundene Brauchtum finden Sie auf den großartig gemachten Internetseiten des Erzbistums Köln: |