Johanna Lamers-Vordermayer

Die Begründerin der Krippenkunst im Rheinland

 

Alte Krippe der Pfarrkirche St. Sebastian, Roisdorf, 
vor dem Zweiten Weltkrieg

 

Noch weit bis in das 20. Jahrhundert hinein herrschten in den rheinischen Kirchen Krippen vor, die mit starren und stereotypen Figuren aus Gips oder gar aus Pappmaché gestaltet waren. Dies nachhaltig geändert zu haben, ist vor nicht zuletzt das Verdienst von Johanna Lamers-Vordermayer, die in von ihrem kleinen Atelier in Kleve aus die Kunst des Krippenbaus im Rheinland erst eigentlich begründete.

 

Johanna wurde am 7. Oktober 1870 in München in eine Familie geboren, aus der bereits eine Reihe renommierter Künstler hervorgegangen waren. So war ihr Vater, der Münchner Bildhauer Hans Vordermayer, zeitweise Lehrer der Schnitzkunst in Oberammergau, wirkte dessen Bruder Rupert als ausgezeichneter Maler in Holzkirchen, woher die Familie stammte, ein weiterer Bruder Matthias arbeitete als Bildhauer in Berlin, wo er z.B. die Figuren am Reichstagsgebäude gestaltete. Johannas Bruder Ludwig machte sich in Berlin als Tierplastiker einen Namen, wurde von Kaiser Wilhelm II. geschätzt und protegiert. Sein bekanntestes Werk ist der lebensgroße ostpreußische Elch aus Bronze, der heute wieder in Tilsit steht.

1895 heiratete Johanna den Klever Kirchenmaler Heinrich Lamers, den sie in seiner Münchener Studienzeit kennen gelernt hatte und dem sie nun in dessen Heimat folgte. Zu den Krippen kam sie indes durch einen Münchener Freund, den Kunstprofessor und Kommerzienrat Max Schmederer, der eine immense Sammlung italienischer und süddeutscher Krippen aufgebaut hatte. Als Schenkung nahm diese im Nationalmuseum in der Prinzregentenstraße eine ganze Etage ein. Das Bestreben Schmederers war es, die alte Krippenbaukunst neu zu beleben, und so veranlasste er Johanna Lamers-Vordermayer, Vorträge über dieses Thema zu halten. Als Demonstrationsobjekte für die Vorträge ging Johanna zunächst daran, selbst Figuren nach alten Modellen anzufertigen und diese dann weiter zu entwickeln. Da ihre Hörer immer stärker nach den Figuren verlangten, wuchs sie in Beruf der Krippenkünstlerin hinein.

 

Johanna Lamers-Vordermayer (1870-1945)

 

Hl. Familie,
Kirchenkrippe Roisdorf, 1943

 

Im kleinen Atelier im Wohnhaus der Familie am Karlsplatz in Kleve entstanden so mit meist nur einer Hilfskraft ab Beginn des 20. Jahrhunderts biegsame Figuren aus stoffumwickelten Drahtgestellen, bei denen lediglich Köpfe, Hände, Füße geschnitzt waren. Mit den Schnitzarbeiten beauftragte sie talentierte Bildhauer. Rasch wurden ihre Figuren bei den Klever Familien beliebt, ließen sich mit ihnen sich weit lebendigere und realistischere Krippenszenen arrangieren als mit Gips- oder auch reinen Holzfiguren,

Ließ Johanna Lamers-Vordermayer zunächst gelungene Köpfe auch in Hartmasse nachbilden, so verwendete sie später nur noch holzgeschnitzte Köpfe. Die Einkleidung der Figuren, die anfangs oft von den Kunden selbst vorgenommen worden waren, übernahm sie schließlich selbst und entwickelte gerade hierbei ihr ureigenstes Talent. Nach geeigneten kostbaren Stoffen suchte sie in München, Berlin und sogar in Paris. Kronen, Gefäße und Geschmeide der Könige wurden von hochqualifizierten Goldschmieden angefertigt. Diese hohen Ansprüche an die Qualität der Figuren sowie die rege Nachfrage bedingten indes hohe Preise, so dass meist nur noch Kirchengemeinden ihre Auftraggeber wurden. „Stationenkrippen“, bei denen bis zu 10 biblischen Szenen von der Adventszeit bis Maria-Lichtmess gestaltet werden konnten, waren ihr Markenzeichen.

 

Als ihre schönste und reifste Krippe galt in Kleve die der Christ-Königs-Kirche, die indes im Zweitem Weltkrieg ein Opfer der Bomben werden sollte. Weitere Krippen gestaltete die für St. Bruno in Köln-Klettenberg, St. Anna in Köln-Ehrenfeld, St. Andreas in Essen, für Kirchen in Andernach und Berlin, einige gingen auch nach Amerika. In unserer näheren Umgebung kann man als Werk von Johanna Lamers-Vordermayer die Krippe von St. Gallus in Küdinghoven bewundern. In den schweren Kriegsjahren 1942 und 1943 gewann Pastor Matthias Ossenbrink sie für die Gestaltung der neuen Krippe unserer Pfarrkirche St. Sebastian.

Das Leben der Johanna Lamers-Vordermayer war nicht frei von Schicksalsschlägen: Ca. 1921 verlor sie den rechten Arm durch eine bösartige Entzündung, die sie sich durch den Stich einer Nähnadel zugezogen haben soll. Nach dem Tod des Ehemannes 1923 verkaufte sie das Wohnhaus am Karlsplatz und zog in den Atelierturm des klassizistischen Belvedere in einem Park in Kleve um. Der Krieg, der gerade Kleve verheerend heimsuchte, zwang zur Evakuierung. Sie ging nach Württemberg, wo ihre Tochter in Geislingen als Ärztin wirkte. Dort verstarb 30. Juni 1945 nach schwerer Krankheit im 75. Lebensjahr, mithin nicht – wie bisweilen behauptet wird – durch Kriegseinwirkungen.

 

Atelierturm des "Belvedere" in Kleve

 

Anbetung der Hirten, 
Kirchenkrippe Roisdorf, 2003

 

Johanna Lamers-Vordermayer wirkte von Kleve aus schulbildend. Als ihre bedeutendste Schülerin gilt die heute bekannteste rheinische Krippenkünstlerin, Lita Mertens-Grüter (1879-1979), mit der sie auch eine Reihe von Projekten gemeinsam verwirklichte. Als langjährige Mitarbeiter setzten der Sohn Hanns Lamers, selbst anerkannter Maler der klassischen Moderne, und dessen Frau Ilse die Tradition des Krippenbaus in Atelierturm zu Kleve fort. 

1949 schreibt Berufschuldirektor i.R. Friedrich Dücker aus Bad Godesberg – wir kennen ihn als den Maler des alten Hintergrunds der Roisdorfer Krippe – an Ilse Lamers: „... über die Arbeiten Ihrer Frau Schwiegermutter besteht gar kein Zweifel. Ihre Mutter war die Krippenkünstlerin.“

 

Dieser Beitrag basiert auf dem Aufsatz "Heinrich van Ackeren, Johanna Lamers-Vordermayer und die Klever Krippenkunst", in: Kalender für das Klever Land 1955, S. 127ff. 
Ein h
erzlicher Dank gilt Herrn Werner Vordermayer, Freising, für das Porträt von Johanna Lamers-Vordermayer und weitere Informationen!


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