Via Crucis

Lange Zeit verschollene Kreuzwegstationen laden erneut zur Betrachtung ein

 

Der Engel verkündet die Auferstehung,
Stickerei von Renate Esper (+ 2009)

 

Mit der Ausstellung "Via Crucis" konnten vor einigen Jahren die Heimatfreunde Roisdorf und die Kolpingsfamilie Roisdorf im Pfarrheim St. Clara aktuelle und historische Kreuzwegstationen aus unserem Heimatort präsentieren. Zum einen handelte es sich dabei um Abbildungen der Stationsbilder, die von unserer damaligen Küsterin, Frau Renate Esper, entworfen und in kunstvoller Handarbeit gestickt worden waren, und die sich im Seitenschiff der Pfarrkirche befinden - siehe hierzu die Seiten der Pfarrgemeinde St. Sebastian.

Zum anderen zeigte man die Originale der damals wieder aufgefundenen, von der renommierten Münchner Künstlerin Ruth Schaumann geschaffenen kolorierten Holzschnitte, mit denen in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die Stationen des ersten provisorischen Kreuzwegs den Roisdorfer Lindenberg hinauf ausgestattet worden waren. Im Jahre 1962 hatte man diese Stationen durch die von Bildhauers Aloys Wyrobek geschaffenen Basaltstelen ersetzt - siehe hierzu den Bericht "Der Kreuzweg auf dem Lindenberg".

Jesus stirbt am Kreuz,
kolorierter Holzschnitt von Ruth Schaumann (1899-1975)

 

Besuch des St. Nikolaus in der alten Pfarrkirche St. Sebastian, ca. 1950, im Hintergrund einige der alten Kreuzwegstationen

 

Von einem weiteren, dem ältesten Roisdorfer Kreuzweg, konnten damals nur einige Fotos gezeigt werden: Es handelt sich um die Kreuzwegstationen der ersten, im Jahre 1980 abgebrochenen Roisdorfer Pfarrkirche, die als verschollen galten.

Entstanden waren diese Kreuzwegstationen, wie eine alte Inventarliste ausweist, im Jahre 1889 in der Beueler Malerwerkstatt Waldhoff, die auch die Figuren des damaligen Hochaltars von St. Sebastian farbig gefasst hatte. Der Name des ausführenden Künstlers bleibt in der Inventarliste ungenannt. Die Stationen gehörten somit zur Grundausstattung der 1876 fertig gestellten und 1892 geweihten Pfarrkirche. Mit passend zur Kirchenarchitektur und zu den Altären in neuromanischem Stil gestalteten Rahmen versehen hingen sie an den Wänden der beiden Seitenschiffe und ermöglichten es somit, den Kreuzweg in der Kirche als Prozessionsweg abzugehen.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm man sie bei Umgestaltungen des Kircheninneren aus ihren als altmodisch empfundenen Rahmen und hängte sie zu Gruppen zusammengestellt und mit schlichten Holzleisten versehen, wieder auf. Im Jahre 1969 wurden sie dann –  wenig behutsam – abmoniert. Sie sollten wohl nach erfolgter Renovierung der Kirche wieder angebracht werden, doch kam es bekanntlich nicht hierzu, sondern zum Abriss und zum Neubau der Kirche an anderer Stelle, so dass die nun entbehrlich gewordenen Kreuzwegstationen irgendwo abgestellt wurden.

 

   

Kreuzwegstationen in der alten Pfarrkirche St. Sebastian, ca. 1955

 

Säubern der Stationen

 

Lange Zeit galten die Kreuzwegstationen als verschollen, doch waren sie aufbewahrt worden: Sie lagerten schließlich auf dem Dachboden über der Garage des Pfarrhauses, von wo sie Ende Januar 2010 auf Initiative des Liturgieausschusses heruntergeholt wurden. Zwar waren sie verstaubt und angestoßen, doch bis auf einige Tafeln, an denen Farbe abgeplatzt war, hatten sie die jahrzehntelange unsachgemäße Lagerung auf dem Dachboden recht gut überstanden.
 

Die großformatigen Kupfertafeln zeigen die einzelnen Szenen der Passion Christi – von der Verurteilung über die Kreuzigung bis zur Grablegung – jeweils in streng komponierten und fein gemalten Figurengruppen, wobei der goldglänzende, ornamentierte Hintergrund die auf wenige Personen reduzierten Szenen gleichsam ikonenhaft erscheinen läßt. Zwar sind Christus und die übrigen Personen detailreich und in den Gewändern ihrer Zeit abgebildet, doch vermeidet die Darstellung jede Dramatik oder gar Drastik des Geschehens: Lediglich aus der Herzwunde des Kreuz hängenden Jesus rinnen einige Tropfen Blut. Kein Gesicht ist hass- oder schmerzverzerrt, kein Mund zur Klage geöffnet, alle Beteiligten erscheinen vielmehr still und ernst, mitfühlend und trauernd in sich gekehrt. Die Szenen bieten somit weniger die Erzählung des historischen Ablaufs der Passion als vielmehr eine überzeitliche Betrachtung des Heilsgeschehens. Sie laden eindringlich zur Versenkung im Gebet ein.

 

 

Fotografieren der Stationen

 

1. Station:
Jesus wird zum Tod verurteilt

 

2. Station:
Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

3. Station:
Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz
 

4. Station:
Jesus begegnet seiner Mutter

5. Station:
Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

 

6. Station:
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

7. Station:
Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

 

8. Station:
Jesus begegnet den weinenden Frauen

 

9. Station:
Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

 

10. Station:
Jesus wird seiner Kleider beraubt

11. Station:
Jesus wird ans Kreuz genagelt

 

12. Station:
Jesus stirbt am Kreuz

13. Station:
Jesus wird in den Schoß seiner Mutter gelegt

 

14. Station:
Jesus wird in das Grab gelegt

In der österlichen Bußzeit 2010 kann unsere Gemeinde nun den Kreuzwegstationen wieder bzw. neu begegnen. Jede Woche wird nämlich eine andere von ihnen in unserer Kirche dort Aufstellung finden, wo in der Advents- und Weihnachtszeit die Krippe zu sehen ist. Die einzelnen Szenen alten Kreuzwegs sollen es  erneut ermöglichen, sich betrachtend und betend auf die Feier von Passion und Auferstehung in der Karwoche und an Ostern vorzubereiten. Entsprechende Meditationstexte, die auch jeweils in den Hl. Messen nach der Kommunion verlesen werden, mögen hierbei Anleitung geben.

Was weiterhin mit den alten Stationen geschehen wird, ist noch nicht abschließend geklärt. Natürlich können sie nicht in der heutigen Pfarrkirche aufgehängt werden, in deren Seitenschiff der von Renate Esper gestickte Kreuzweg mit seinen modernen Formen dem Charakter des Raumes weit mehr entspricht. Auch wäre die aufwändige Restaurierung der Tafeln wohl kaum zu finanzieren. Aber auf jeden Fall gilt es, eine Lagerung zu finden, die weiteren Verfall verhindert und es ermöglicht, sie auch künftig, so wie es in dieser Fastenzeit geschehen wird, für besondere liturgische und außerliturgische Zwecke zu nutzen.

 

(Fotos des Kreuzwegs: Dr. Thomas Bremm)